Donnerstag, 27. Oktober 2022

Das vergiftete Geschenk

Das vergiftete Geschenk

Ich habe an dem folgenden Text länger laboriert und ehrlich gesagt wusste ich nicht ob ich dazu überhaupt etwas schreiben sollte. Meine Erfahrung ist, dass es niemanden interessiert was im Gesundheitssystem los ist. Die Gesundheitskompetenz ist auf dem Tiefpunkt angelangt, jeder glaubt er könnte sich ewig gesund halten, aber scheitert bei den einfachsten Krankheiten. Wenn skandalöse Bedingungen aufgedeckt werden ist der Ruf nach mehr Kontrolle das einzige was passiert. In einer Zeit wo Narrative und Wordings der neue heiße Scheiß sind, ist mit Analyse und Strategie nicht mehr viel zu reißen. Also gehe ich davon aus, dass die eingeweihte Bubble mir zunicken wird und ansonsten ist egal was Pflege zu Pflege sagt. Der aufgeklärte Bürger weiß es schließlich besser. Er ist ja gesund und das wir auch immer so bleiben. Unfälle, Krankheiten, Infektionen passieren ja nur den ungebildeten und unvorsichtigen Mitmenschen. Sollte es doch passieren dann ist der Augenöffner da, doch leider werden dann die Schuldigen nie an der richtigen Stelle gesucht. Aber sei es drum. Ich schreibe und bin es los. Auch wenn es nichts bewegt, es tut mir gut. Das ist eigentlich das wichtigste, damit ich gesund bleibe.

Was bisher geschah:

Die Pflege in Deutschland liegt ja nun schon seit längerem auf dem Sterbebett. Es wurden daher allerlei große Ideen eingebracht wie die Pflege zu retten ist. Fachkräfte aus dem Ausland oder eine Ausbildungsoffensive oder was auch immer Politikern so zu dem Thema einfallen ist. Alle diese gut gemeinten Maßnahmen hatten aber von Anfang an einen Geburtsfehler. Keiner hat sich damit beschäftigt wie die Dispositionsmasse Pflege die Sache sieht. Nehmen wir die Ausbildungsoffensive, gut gemeint aber was genau bringt eine Ausbildungsoffensive in der ich meine Hilfskräfte zu Fachkräften ausbilde um dann hinterher keine Hilfskräfte mehr zu haben und diese dann wieder umständlich am Arbeitsmarkt zu beschaffen. Aber gut, das ist ja die Antwort auf alles in Deutschland, Bildung. Ach nein, es gibt ja noch eine universelle Antwort auf Fragen wenn Arbeitskräfte fehlen: Zuwanderung. Mal abgesehen davon, dass wir anderen Ländern die mit Sicherheit auch nicht in Fachkräften schwimmen die Fachkräfte weglocken wollen, ist da ja auch noch eine Sache. Hätte man mit Leuten vom Fach ernsthaft geredet wäre möglicherweise, ich betone möglicherweise, warum erkläre ich später, zu der Erkenntnis gekommen, dass was der Deutsche, insbesondere der deutsche Politiker unter Pflege versteht nicht ganz dem Kompetenzprofil Ausländischer Kollegen entspricht. Die sind keine Hochleistungswaschlappen, sondern zum Teil akademische Pflegekräfte die, da staunt der Deutsche, Pflege als Profession betrachten. Nicht etwa als Waschlappenakrobatik und Exkrementbeseitigungszunft. Dass diese Leute bei der Stellung der Pflege in der Gesundheitsbranche schreiend weglaufen würden war eigentlich zu erwarten.


Nun kommen wir zur dem versprochenen möglicherweise von oben. Meine Erfahrung ist, dass genau in dem Moment wo Pflege an der richtigen Stelle etwas sagen könnte allzu oft die Vertreter, oder die die dazu Berufen werden, an plötzlicher Stimmbandlähmung leiden. Oder an Gedächtnisstörungen. Oder vielleicht auch beidem. Vielleicht ist es aber auch die Sozialisierung der Pflege die dort die Luft abschnürt.

Die Pflege will ja, qua ihrer professionell dienenden Einstellung, niemandem auf den Sack gehen, auch nicht wenn es dringend Geboten wäre. Andererseits ist es vielleicht auch einfach nur Feigheit, weil man ja vielleicht nie wieder zu so etwas wichtigem eingeladen wird, wenn man jemandem mal eine klare Kante zeigt.


Das führt dann auch dazu was wir nun haben: Eine Situation bei der man sich nur gepflegt den Kopf gegen eine beliebige harte Oberfläche schmettern kann damit man so viel Kurzsicht ertragen kann.



Der Große Wurf

Der bisher größte Wurf in der Geschichte der Pflegereformen ist mit ziemlicher Sicherheit das:


Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetz (GVWG) 


Und die sich daraus ergebenden Nebenbedingungen. Und damit sind wir nun auch beim vergifteten Geschenk. Das steht im §72 3a bis 3f SGB XI. Zunächst wirkt es so als wenn der Gesetzgeber endlich verstanden hätte, das eine faire Entlohnung in der Pflege überfällig ist. Das kann man auch als dringend überfällig betrachten. Warum also ein vergiftetes Geschenk, ist doch alles bestens. Die Pflege erhält im Schnitt mehr Lohn, damit wird der Beruf attraktiver die Personalnot schwindet, alles wird gut.
Auch da unterstelle ich den Akteuren Kurzsichtigkeit. Dazu muss man allerdings mal über folgendes nachdenken. Wie wollte man noch die Kosten der Pflege senken? Na erinnert man sich noch daran. Richtig! Über den Markt und mehr Konkurrenz. Das funktioniert ja, dass weiß ja jedes Kind. Blöd halt nur, dass man die Art der Finanzierung ein wenig vergessen hat. Es gibt einen Satz der zur Verfügung steht und nach einer Bedürftigkeitsprüfung zur Verfügung steht. Bedürftigkeit nettes Wort, böse Falle. Bedürftigkeit ist nicht der Bedarf. Es wird kein Bedarf festgestellt. Der Pflegebedarf ist völlig unerheblich in diesem System. Man bekommt einen Grad der Pflegebedürftigkeit und damit Summe X, die natürlich bei der Ausgestaltung der Pflegeversicherung nicht den Bedarf abdeckt. Das war auch so gewollt. Jetzt läuft dieses System nun aber schon seit Jahren so. Wer hat nun bei den Kunden den größten Vorteil, besonders bei denen die wenig bis kein Geld zur Verfügung haben? Genau, die Billigheimer. Egal ob Ambulant oder Stationär, in der Langzeitpflege ist gefragt ob es günstig ist. Mehr Leitungen für weniger Geld, sprich Zuzahlung. Wie macht man das? Klar, Kostenfaktor Nummer eins ist das Pflegepersonal. Also möglichst weg damit und wenig Zahlen. 
Jetzt sollte die Politik ein ganz bisschen Vorsichtig sein den Billigheimern die Schuld für diese Entwicklung in die Schuhe zu schieben. Diese Entwicklung der Situation hätte man vorher sehen können. Zumindest wenn man in Ruhe mal diese Geschichte bis zu Ende gedacht hätte. Das ist aber heute schon lange nicht mehr der Normalfall. Man beschließt mit Tammtamm und Fanfaren den großen Wurf um dann irgendwann, mittlerweile immer schneller, zu Merken, hätte ich das mal bis zum Ende durchdacht....  Klingt geil, mach ich so scheint das Motto zu sein. Übrigens nicht nur in der Pflegepolitik.
Und jetzt sitzen wir also da. Ziemlich angeschmiert.
Wahrscheinlich wird kaum einer der Sich nicht mit Pflege und deren Finanzierung beschäftigt hat auf Anhieb verstehen welche Bombe dort sprichwörtlich ins Bett gelegt wurde. Ich Spoiler mal, Pflegende Angehörige wissen spätestens nach der nächsten Abrechnung des unterstützenden Pflegdienstes was ich meine. Bis zu 25% Preissteigerung. Das tut weh. Aber ist ja nicht schlimm ist ja so gewollt. Glaubt einer, dass die Politik vergessen hat die Beträge für Pflegsachleistung zu erhöhen? Wenn ja ändert es auch nichts, der gelackmeierte ist zunächst einmal der Pflegebedürftige. Auch im Pflegeheim, aber da geht das subtiler.
Zunächst ist der Pflegebedürftige der gelackmeierte. Kosten für ambulante Leistungen steigen, Pflegesätze in Heimen steigen. Personalkosten steigen. Aber die Finanzierung bleibt im Volumen gleich. Ich denke, dass der Eine oder Andere bereits drauf gekommen ist was passieren wird.


Aber dazu erstmal ein Beispiel:


Nehmen wir also an sie sind die Verwandtschaft von Herrn und Frau Brömmelkamp beide über 80 , sie Pflegegrad 2 und der Herr Pflegegrad 4. Allerdings wohnen sie sportliche 30 km weg. Bisher hat der Pflegedienst alles an Sachleistung ausgeschöpft um ihre Verwandtschaft über die Runden zu bringen, weil die alte Dame es nicht mehr schafft ihren Mann alleine zu versorgen. Glücklicherweise brauchen die Herrschaften das Pflegegeld nicht zum überleben. Alleine das schreiben zu müssen finde ich schon grenzwertig, ist aber eine andere Baustelle. Dann haben wir also 1612€ für Opa Brömmelkamp und 689€ für Oma Brömmelkamp. Macht zusammen 2301€. Die sind nun aber bereits voll verplant für alles was die beiden benötigen und eigentlich ist das auch schon knapp, so dass Oma Brömmelkamp auch Dinge übernimmt. So und nun kommt die Pflegedienstleitung des neuen Pflegedienstes die sich jetzt einem Tarif anschließen musste. Dazu bekommt sie neue Preise zugewiesen, ja zugewiesen!  Plötzlich kostet das was die Herrschaften beim Dienst gebucht haben aber 2876,25 ein Plus von 25%. Weitermachen heißt 575,25 Monatlich zuzahlen. Mal im Ernst, selbst bei guter Rente ist das doch eher ein Wenig happig. 
Was wird also passieren? Die Leistungen werden gekürzt und sie werden gefragt ob nicht wenigstens Samstags einer vorbei kommen kann um Opa zu duschen.
Selbstverständlich ist das ein wenig plakativ, aber um die Gedanken in die richtige Richtung zu lenken ist es ausreichend.
Politisch halte ich es aber für eine super Aktion. Ich stärke die Pflege durch im Schnitt höhere Gehälter, da bin ich doch einer von den Guten, nicht so ein Balkonklatscher. Dadurch verbessern sich schlagartig die Arbeitsbedingungen und es werden mehr Pflegkräfte kommen und der Pflegnotstand ist Geschichte. Was für ein großer Wurf!
Was wenige bemerken ist, dass man uns alle wieder schön hinter die Fichte geführt hat. Solange im System immanenter Geldmangel herrscht wird die Erhöhung der Löhne zu einer Rationierung von Pflegleistungen am Kunden führen. Es ist in diesem System gar nicht vorgesehen dass die Notwendigen Pflegeleistungen bezahlt werden.  Sie sollen selbst Pflegen!  Um die Lohnsteigerungen zu erwirtschaften braucht man dann mehr Kunden. Woher sollen die kommen?  Kein Pflegenotstand mehr, weil weniger nachgefragt wird, und zack hat das Problem ein anderer. 
Sie, oder ihre Eltern oder andere Verwandte. Die Politik hat doch alles richtig gemacht. Sie werden dann wieder als der größte Pflegedienst Deutschlands bezeichnet und alles wird ganz wunderbar.  So wie es immer wunderbar wird, also für kurz. Ich persönlich halte das ganze eher für wunderlich! Was soll daran gut sein? Entweder rennen Pflegekräfte mehr Patienten ab, oder die Angehörigen machen es selbst. Das wird sicher eine fulminante Steigerung der Qualität zur folge haben. Ich habe da so einen Verdacht wie man darauf reagieren wird, noch mehr Kontrollen. Also mehr Bürokratie, am besten aus dem Budget bezahlt was für die Pflege zur Verfügung steht. Das hat schon immer Funktioniert. Wenn durch Personalmangel Missstände aufgetreten sind, hat man nicht den Personalmangel beseitigt, sondern die Dokumentationspflichten ausgeweitet und mehr Kontrolliert. Sprich: Man spielt Bad Cop bei den "Schwarzen Schafen". Zumindest will man sie das glauben machen.
 Im Vertrauen, ich kenne einige Einrichtungen die von den Behörden längst geschlossen sein müssten. In denen Menschen in Dienstplänen stehen, die nicht existieren, die Fachkraftquoten nicht im Ansatz eingehalten werden,, der Personalmangel einfach zum Himmel stinkt. In solchen Einrichtungen müssen dann Listen geführt werden um zu beweisen wer im Dienst war, die dann von den Behörden überprüft werden, wenn die Listen mit ausreichend Namen gefüllt sind, dann ist alles wieder gut.
 Keine Sorge, es kommt keiner und zählt nach! 
Sie werden beim bescheißen mit Listen (Dienstplänen) erwischt und bekommen als Auflage eine Liste zu führen, damit sie nicht bescheißen. Es muss ein Genie gewesen sein, der diesen Prozess erfunden hat. Oder jemand der zu Feige war ein Heim final zu schließen. So spielt man dann Katz und Maus und und suggeriert hier auch wieder Handlungsfähigkeit. Die Listen führen dann die verbliebenen Pflegekräfte. Verstehen muss man das alles nicht mehr.


Aber ich schweife ab. Ich lasse mich immer wieder gerne hinreißen diesen hirnrissigen Ablauf  der Kontrollen zu beschreiben. Es geht hier ja gerade um etwas anderes. Nämlich was jetzt noch oben, gleichsam als Sahnehäubchen aufgesetzt wird, der große Wurf eben.



Hätte man Wissen können..

  • So weit ich das beurteilen kann hat keiner einen Pflegegrad, der nicht auf Hilfe angewiesen ist. Wenn schon Prävention in Deutschland eher ein Schattenpflänzchen ist, so sollte doch die Erhaltung von Gesundheit weiter im Fokus stehen. Es wird aber im Schnitt so sein, dass die Menschen die auf Pflege zugunsten von Pflegegeld verzichten am Ende der Krise sicher nicht gesundheitliche Gewinner sein werden. Die Frage ist welche Folgekosten wird das haben. Was auch ziemlich sicher ist, dass es wieder die trifft die schon mit dem Rücken zur Wand stehen. Das Phänomen, dass Geld der Faktor für Gesundheit ist, ist seit vielen Jahren bekannt und belegt.

  • Was passiert im Gegenzug auf Seiten der Pflege? Die Kündigung von Leistungen setzt am Ende Personal frei. Es wäre ein vermessener Gedanke, dass nun die Pflegekräfte Zeit haben. Der Flaschenhals ist immer noch die Finanzierung der Pflege. Auch wenn einige diesen Gedanken gar nicht teilen wollen, aber wir arbeiten für Geld. Unternehmen brauchen Geld um ihr Mitarbeiter zu bezahlen. Pflege hat nichts mit Barmherzigkeit zu tun. Es ist ein Geschäft, eine Dienstleistung. Niemand hat etwas zu verschenken, auch Pflegekräfte nicht. Wer jetzt meint ich wäre empathielos, das bin ich nicht. Professionell heißt nicht dämlich und emphatisch heißt nicht dass man seine eigenen Bedürfnisse vergessen muss. Das wir oft vergessen. Das zur Erklärung. Es wird also so kommen, dass wahrscheinlich die nachfrage nach Pflege und damit die Zahl der Pflegekräfte sinkt. Und jetzt reden sie sich bitte nichts ein, das ist Markt, das sollte so passieren. Politisch gewollt und in Gesetze gefasst. Mitarbeiter müssen jeden Monat bezahlt werden, wenn das nicht passiert sind sie nicht weg, sie hören nur auf zu pflegen. Die semilustige Analogie benutze ich schon absichtlich. Was machen diese Kollegen die gerade übrig sind? Sie suchen sich andere Jobs. Weil weder klatschen noch der Pflegepreis vom Ministerium Brötchen bezahlen. Die rein zufällig auch gerade etwas im Preis anziehen. Ich sage es ganz ehrlich, wer aus der Pflege raus ist und was anderes hat kommt nicht wieder. Zumindest der aller größte Teil.



Das hätte man alles wissen können. Allerdings wird auch da mit den selben Taschenspielertricks gearbeitet wie immer. Die Ankündigungen der Verbesserungen übernimmt die Politik. Die Rechnung, die zu Zahlen ist, dürfen dann Andere überbringen. Konnte die Politik ja gar nicht ahnen, dass Pflege nun teurer wird. Klar, warum auch die Tarifpflicht hat man eingeführt weil alle ja super bezahlt werden? Man wusste gar nicht, dass in der Langzeitpflege die Personalkosten so einen großen Anteil haben. Wenn dem so ist dann sollten wir dringlich mal überlegen was das Kompetenzprofil eines Gesundheitspolitikers sein sollte. Oder, was auch möglich ist, wir werden absichtlich verarscht. Wobei man ja nichts der Boshaftigkeit anheimstellen sollte was durch einfache Dummheit zu erklären ist. Andererseits folgt das ganze ja schon lange einer politischen Tradition. Niemals zugeben, dass etwas gar nicht funktioniert, lieber ein wenig Nachsteuern, Anreize setzen und ganz wichtig kontrollieren. 


Anstatt zu sagen die Karre läuft so nicht mehr, wird hier gepinselt, da ein Spoiler angebracht und erklärt: nun Läuft das Ding.

Man kann aus einem Esel kein Rennpferd machen. 


Probleme löst man in dem man die Ursachen bekämpft und nicht die Symptome. Der grundsätzliche Mangel wird nicht angegangen. Es werden ständig verschiedene Dinge in einen Topf geworfen und verrührt bis keiner mehr versteht worum es eigentlich geht. Viele die von Pflege sprechen, sprechen eigentlich von Betreuung. Haben sie schon einmal drüber nachgedacht, dass alles was Pflegekräfte machen auch von ihnen übernommen werden kann wenn sie wollen? Nun, dass liegt möglicherweise daran weil es gar keine Pflege im Sinne des Berufes ist. Bloß weil sie möglicherweise Räder wechseln können würden sie ja nicht glauben sie sind Automechaniker. Ich mache ihnen keinen Vorwurf, woher sollen sie das auch wissen, weil alles wofür Pflege bezahlt wird dürfen sie ja auch und können es in der Regel auch.

Es sind basale Hilfestellungen.

Sie werden in keinem Leistungsangebot eines Pflegedienstes Posten wie Pneumonieprophylaxe, oder Kontinenztraining sehen, genau so wenig wie pauschalen für fach- und sachgerechte Planung. Keine Rechnungen über Briefe an Krankenkassen oder Kostenträger. 

Die Liste ist beliebig zu verlängern. Kurz um, was Pflege kann und ausmacht wird nicht vergütet. Damit das aber läuft hat sich der Gesetzgeber natürlich was ausgedacht: Kontrolle. Wenn ich nicht bezahlen will aber trotzdem die Leistung bekommen will, dann mach ich halt ein Gesetz dazu. Die professionelle Pflege soll alle möglichen Standards einhalten, die tatsächlich auch manchmal Sinn machen. Allerdings wird das natürlich nicht vergütet. Vergütet wird nur die Hand am Patienten, Planung, Evaluation, Fortbildung Fallbesprechungen müssen über Waschen und Toilettengänge finanziert werden. Falls sie sich Fragen wie das gehen soll, das frage ich mich auch. Was ich mich nicht frage, warum immer und immer mehr Fachfremde in der Pflege eingesetzt werden. Aus oben genanntem Grund. Einer muss das Geld für die Fachkräfte verdienen. Das sind mittlerweile in Heimen, mit gesetzlicher Billigung, die Hälfte aller Beschäftigten. Würden sie das in der Autowerkstatt oder bei einem Arzt akzeptieren? Wenn nicht machen sie sich mal Gedanken darüber. Pflegen kann eben nicht jeder, wir haben entweder ein Staatsexamen oder ein Studium hinter uns gebracht. Werden sie doch einfach Lehrer weil sie Kinder haben! Das geht nicht? Nach dem gedanklichen Ansatz: Pflege kann jeder, geht das doch! Sie müssen nur wollen und schon sind Sie teil der größten Schule Deutschlands! Sie glauben nicht, dass das genau so passiert in der Pflege?

Also seinen sie nicht böse wenn sie jetzt Oma oder Opa duschen müssen, das ist eine Tätigkeit für ungelernte Hilfskräfte. Um den Rest kümmern wir uns, solange sie uns noch bezahlen können. Aber das könnte nach dem nächsten großen Wurf schon ganz anders aussehen. 

Aber auch wenn Heime ihre Gasrechnungen nicht mehr stemmen können oder ambulante Dienste ihren Sprit nicht zahlen. Dann lernen sie am besten ganz schnell Pflege, oder das was man ihnen erzählt hat was Pflege ist. Sie überwinden bestimmt ganz schnell ihre Hemmungen wenn Zuzahlungen im vierstelligen Bereich für ambulante Pflege im Raum stehen. Glauben sie, da werden einige nicht mehr sagen, deinen Job könnte ich nicht. Meinen Job können sie wenn sie nur wollen, zumindest das Tagesgeschäft, meinen Beruf allerdings noch lange nicht. Dann können sie vielleicht vom Pflegegeld wenigstens ihre Rechnungen bezahlen. So wie es jetzt schon vielen alten Menschen geht. 



Und was macht die Pflege als Profession?


Zuschauen, wie immer. Sie wartet auf Rettung und wenn sie merkt, dass sie auch dieses Mal wieder den kürzeren gezogen hat wird sie Wahlweise auf Politik, Pflegekammern, Gewerkschaften oder was auch immer schimpfen. Dann wartet sie still und leise auf den nächsten großen Wurf der sie Retten wird. Also alles wie immer. 


Nachtrag Stand Ende September

Die Lage in Deutschland verschärft sich. Es ist gar nicht mehr nur das Problem der Pflegefinanzierung. Energiepreise sind der Kostentreiber Nummer Eins. Man muss kein Hellseher sein um zu ahnen was nun als nächstes passieren wird. Menschen die Auf Pflege angewiesen sind werden eher auf Pflege verzichten als auf Essen oder Heizung. Es ist anzunehmen, dass wie es auch bisher schon völlig normal ist, Menschen deren Einkommen kaum für das tägliche Leben reicht, Leistungen Kündigen werden und das dann erhaltene Pflegegeld in ihr überleben stecken werden. Die Probleme und Kosten die das verursachen wird werden nicht ohne sein. Dazu zwei Gedanken.

Es werden also spannende Zeiten. Das mehr an Geld für die Pflegekräfte wird in der Inflation verpuffen. Am Ende der Krise wird es vielen Menschen gesundheitlich schlechter gehen. Und der Fachkräftemangel geht nicht weg. Das wird so bleiben bis jemand begreift, das Pflege nicht kostendeckend sondern bedarfsdeckend organisiert sein muss. Würden sie die Feuerwehr abschaffen bloß weil es länger nicht gebrannt hat? In Medizin und Gesundheit wird das so gemacht. Daseinsvorsorge und Kostenreduktion sind Zielkonflikte. Die gilt es zu lösen. 

Das wäre der große Wurf!

Nachtrag Oktober:

Nun dreht sich das Rad wieder, es wird langsam Herbst und die Kollegen, die nun den nächsten Winter unter "Pandemiebedingungen" arbeiten müssen brechen weg. So leicht geht das, Covid ist schuld. Ich kann es tatsächlich nicht mehr hören. Das System war vor Covid schon am Anschlag. Was jetzt passiert ist nicht einfach auf Covid abzuwälzen. Es ist nicht einfach auf Maskenverweigerer und Partys zu schieben. Es sind Monate um Monate mit Covid ins Land gegangen und kein Schwein hat sich für die Bedingungen interessiert. Es ist nicht von Substanz beschlossen worden. Der Aufschrei nach Maskenpflicht und X-Fach Impfung ist so durchschaubar wie daneben. Jetzt haben einige wieder Angst sie bekommen nicht die medizinische Aufmerksamkeit die sie sich vorstellen. Ich kann verstehen, dass einige Angst davor haben. Allerdings bedroht euch jede Grippe oder was auch immer gerade umgeht. Es ist schon lange von Glück abhängig ob ihr gut behandelt oder gepflegt werdet. Redet euch nicht ein Covid ist Schuld. Das ist einfach zu kurz gegriffen, Pflegekräfte und anderes medizinisches Personal wird auch krank. Da können Sie so viel Maske tragen wie Sie wollen. Auch Fakt ist, je länger es so läuft wie jetzt um so mehr. In der für euch covidfreien Zeit konnten wir unsere Leistung endlich wieder von 150% auf 105% drosseln. Entspannung? Wo? Es ist niemand da um Überstunden abzubauen. Wir fahren schon in dem was ihr als Normalbetrieb kennt an der Grenze des machbaren. Die Verantwortlichen für diese Situation sind nicht die Menschen die keine Maske mehr tragen wollen oder was auch immer gerade verlangt wird um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Es sind die, die meinen unser Gesundheitssystem sei im Grunde gut aufgestellt. Eigentlich haben wir ja genug Pflegekräfte, sie sind halt nur am falschen Platz, das glauben zumindest die die politisch dafür verantwortlich zeichnen. Okay im Grunde haben sie Recht. Die Pflegekräfte sind in Teilzeit, weg oder krank. Ein Zusammenlegen von Patienten und Menschenmaterial in Pflegeburgen macht keine gute Versorgung. Es erleichtert nur das Verschieben von viel zu knappen Ressourcen. Ich habe keine Ahnung wer als nächstes Schuld sein wird, was ich aber sicher weiß ist, dass die Gesundheitspolitik sicher jemanden finden wird der dafür verantwortlich ist. Nur eben halt nicht die Politik, die macht im Grunde alles richtig. Einfach weitergehen, es gibt hier nichts zu sehen, wir informieren sie wenn es nötigt ist. 

Manchmal überholt einen die Realität sogar beim Schreiben. Während ich an meinem Text arbeite verkündet Herr Lauterbach, dass die Pflegenden in den Krankenhäusern nur falsch eingesetzt werden, aber im Grunde genug da sind. Die Antwort ist, die anstrengenden Nachtdienste müssen weg. Warum kommt er darauf, dass das eine Lösung ist. Was will er? Mehr blutige Entlassungen? Das Problem auf Angehörige und ambulante Dienste abwälzen? Was passiert wohl wenn immer mehr ambulant in Tageskliniken operiert wird? Die Komplikationen werden dann am Ende die den Rettungsdienst und die Notaufnahmen belasten. Ich bin mir nicht sicher ob der Mann das Gesundheitswesen in seiner Komplexität versteht, Expertise für pflegerische Belange hat der Mann jedenfalls nicht. Er ist Gesundheitsökonom mit Approbation als Arzt. 


Also alles wie immer. Und wenn der Sommer wieder kommt ist doch alles wieder gut.






Mittwoch, 23. Dezember 2020

Drei Jahre später ...

Es ist mittlerweile viel passiert und viel Zeit vergangen. Ich habe die Seiten gewechselt. Mich als Leitung in den Burnout gearbeitet. Dabei habe ich immer versucht alles richtig zu machen. Einfach nicht wie andere den Druck nach unten weiterleiten, Arbeitsrecht ernst zu nehmen. Aber was hat es mir gebracht? Meine Familie hat gelitten, einfach nur weil ich es richtig machen wollte. Das ist jetzt Geschichte. Irgendwie hab ich mich aufgerappelt und mich wie so oft neu erfunden.

Daraus wurde : Ein letzter Versuch Pflege. 

Jetzt bin ich PDL in eine Wohneinrichtung. Riesen Haus und man sollte meinen es gibt Ressourcen. Gibt es aber nicht. Die Kollegen arbeiten auf 200%, isolieren sich selbst und gehen am Stock. Die Bewohner sind zu mindestens einem Drittel in den Pflegegraden zu niedrig. Der Grund, keine Zeit, schlechte Schulung im Dokumentationssystem, der Bewohner muss erstmal versorgt werden. Ich habe das Problem angepackt und es hat funktioniert. Nur was hab ich jetzt? Genau, ich könnte Personal einstellen. Doch woher? Es war vor Corona schon nicht leicht, aber jetzt? Nicht mal mehr Leiharbeit ist zu bekommen. Die Qualität leidet, die Mitarbeiter leiden. Die übliche Antwort wurde auch schon gegeben, es muss mehr Kontrolle her. Klasse Idee! Was sollte das denn bringen? Menschen die jeden Tag wegen Personalausfällen entscheiden müssen was unbedingt wichtig ist und was warten muss zu sagen ihr habt nicht alles geschafft was wir verlangen?

Wisst ihr was wir tun? Das, was allen das kalte Schauern erzeugt. Triage! Jeden Tag! Glaubt ihr nicht? Triage heißt nicht nur über Beatmung zu entscheiden. Es heißt bei mangelnden Ressourcen Prioritäten zu setzen, damit möglichst viel für ALLE erreicht wird. Es ist nie eine Gute Entscheidung dabei. Es geht nur darum den Gesamtschaden möglichst niedrig zu halten. 

Ich fürchte nur es wird nach Impfung und möglicherweise Ende der Pandemie in der Pflege nicht mehr besser werden. Zwölf Stunden Schichten, Arbeitsquarantäne, Dienstverpflichtung, Lavendel und Klatschen tun gerade ihr zerstörerisches Werk, keiner hat mehr Bock wichtig und arm und alleine zu sein. Gotteslohn ist um. Das ist nunmehr der Preis der zu zahlen ist. Das ganze Lied von Verantwortung für die Menschen zieht nicht mehr. Was die Pflege gelernt hat in 2020 ist, sie sind Menschen 2. Klasse. Für jeden systemrelevanten Scheiß ist Geld da, für die Pflege Lavendel. Alles geht von Böllerverbot bis Ausgangssperre, mehr Lohn für die Leute an der Front? Ne, das würde das System zu sehr belasten!

Ich habe mich mal verpflichtet gefühlt mich an die Regeln zu halten. Aber warum? Weil ich erwartet habe, dass man sieht: so geht es nicht mehr weiter. Ich dachte Corona zeigt deutlich die Schwächen des Systems Pflege in Deutschland. Aber es passiert nichts. Man redet sich weiter ein, dass alles gut gewesen ist, vor Corona, und danach auch alles wieder gut sein wird. Ich lehne mich so weit aus dem Fenster zu sagen, es wird nicht wieder gut. Ich sehe meine Mitarbeiter zweifeln. Sie zweifeln an dem was sie tun, zum Teil verzweifeln sie. Menschen bereiten sich auf ein einsames Weihnachten vor. Pflegekräften bleibt nicht einmal mehr das. Sie bereiten sich darauf vor in den nächsten Wochen noch mehr belastet zu werden. Weihnachten ist in der Pflege Jahr um Jahr die Hölle. Ausfälle, Krankheit, Einspringen, die Nerven liegen blank. Dieses Jahr weiß man nicht einmal mehr wann dieser Zustand endet. Im Januar, oder vielleicht erst im März oder gar erst nächstes Weihnachten? Die Überstunden die wir schieben, was sollen wir damit? In Freizeit nehmen, lächerlich! Bei der Personalnot ist jeder der Frei hat eine kleine Katastrophe. Bezahlen lassen? Leute, es gib viele in Kurzarbeit Null, die am Ende des Monats mehr Geld auf dem Konto haben als eine Pflegekraft.

Warum ich glaube, es wird nicht besser? Was zur Zeit gesucht wird sind nämlich Freiwillige. Freiwillige die uns entlasten. Was sagt mir das? Es ist immer noch niemandem klar, das Pflege Geld kosten darf, Geld kosten muss. Wie lächerlich würde es wirken wenn VW nach freiwilligen Mitarbeitern suchen würde um ihr geplantes Absatzziel zu erreichen? Da würde jeder sagen, wenn sie Leute suchen, müssen sie Geld auf den Tisch legen. Mit Recht! In der Pflege ist das natürlich anders, wie immer alles  anders gesehen wird, in der Pflege. Wir sollen das System bitte nicht mit unseren Forderungen und Wünschen belasten. Wir sollen halt nur Wünsche erfüllen, das am besten kostenlos. Es wurde gesagt, wir haben einen sicheren Job, deswegen sollten wir dankbar sein. Für einige Kollegen war es übrigens ein todsicherer Job. Die Kollegen werden die Pflege verlassen, einer nach dem anderen und es wir noch immer keiner merken was passiert. 

Die Pflege hat nicht die Menschen aufgegeben. Die Menschen haben die Pflege aufgegeben.


euer Garcon de Piss


Dienstag, 28. März 2017

Ich feiere mit jedem der es tut, der raus ist aus diesem Job.

Hier ein Gastbeitrag einer geschätzten Kollegin, auch hier könnt ihr sehen, dass die Pflegenden in Deutschland wissen, dass es es nicht fünf vor Zwölf, sondern zwanzig nach Eins für eine Veränderung in der Pflegelandschaft ist.
Wie so viele Kolleginnen möchte sie natürlich nicht namentlich erwähnt werden, was ich verstehe. Auch so ein Phänomen in der Pflege. Wer die Wahrheit offen ausspricht bekommt ziemlich schnell ein Problem. Traurig aber wahr. 
Aber schaut euch erstmal an was sie zu sagen hat:



Kürzlich las ich es wieder:


 Pflegekräfte streiken nicht, sie gehen in den Pflexit.


Und wisst Ihr was? 

Ich feiere mit jedem der es tut, der raus ist aus diesem Job.

Ich habe es satt vergeblich um Veränderungen zu kämpfen.
Euch da draußen ist Pflege egal. Und solange das so ist, besteht keine Chance auf Besserung. Statt Euch zu informieren, Euch zu interessieren, uns zu helfen Druck auf die Politik auszuüben nickt Ihr mitleidvoll den Kopf: schlimm, ja schlimm ist das alles und nein, also ich könnte das ja nicht. Immer mehr Pflegekräfte können tatsächlich nicht mehr, ich gehöre inzwischen auch dazu. 
Jahrelanger mutiger Kampf um Veränderung zum Guten. Um eine menschenwürdige Pflege. Von den meisten in dieser Gesellschaft ignoriert und auch deshalb vergebens. Letztlich ist Euch die Versorgung Eurer Lieben und Eure eigene egal. Sonst würdet Ihr wissen, was die Partei Eurer Wahl für Pflege tut. Wissen, dass Pflegekräfte viel mehr tun als Ausscheidungen wegräumen. Im Übrigen auch jene Pflegekräfte außerhalb von Intensivstationen

Meine Kollegen und ich versorgen überwiegend Menschen, die dem Tod näher sind als dem Leben. Sie können nicht aufstehen, sich nicht aufsetzen, sich nicht selbst auf die Seite drehen. Sie können nicht selbst essen, sich nicht bemerkbar machen, ihre Ausscheidungen kontrollieren, oftmals wissen sie nicht wo sie sind. Sie haben Angst, oftmals Schmerzen. Sie wiegen zwischen 60 und 120 kg.
Ich habe heute 9 dieser Menschen allein gewaschen, gelagert, von ihren Ausscheidungen befreit, ihnen den Schleim den sie nicht abhusten können aus den Atemwegen gesaugt, teelöffelweise Brei und Flüssigkeit gereicht, erkannt ob sie Schmerzen haben und darauf entsprechend reagiert. Meine Kollegin und ich sind für 17 von 34 Patienten unserer Station zuständig. Von „unseren“ 17 sind 16 komplett auf Hilfe angewiesen. Ein einziger Patient kann aufstehen. 8 der Patienten liegen mit schwerer Influenza-Infektion im Isolierzimmer. Sie fiebern hoch, bekommen sehr schlecht Luft, bei einigen ist nicht klar ob sie überleben werden. Angehörige schimpfen, weil sie sich während des 10-minütigen Besuchs durch die speziellen Schutzmasken beengt fühlen. Meine Erklärungen über Notwendigkeit, hundertfach erzählt, verpuffen in genervten Blicken. Ich arbeite über Stunden mit diesen Masken körperlich schwer, mir rinnt der Schweiß sonstwo lang nachdem ich an den hilflosen Menschen gezogen, geschoben und gehoben habe. 
Die pflegerische Versorgung ist schlecht, es ist nicht zu schaffen. Druckgeschwüre entstehen, Muskeln bilden sich zurück, Kontrakturen entstehen. Mobilisation findet kaum mehr statt. Dies wird einfach hingenommen. 

Uns Pflegende macht das sprachlos. 

Ein Großteil unseres Wissens, unserer Profession besteht darin genau dies zu verhindern! Und trotzdem weigere ich mich inzwischen, erwachsene Menschen ohne Hilfsmittel aus dem Bett zu zerren. 

Meine Rückenschmerzen sind so schon unerträglich.

Dies ist seit vielen Wochen so. Betten sind schon wieder belegt, bevor der vorherige Patient entlassen ist. Wir bekommen morgens gesagt, wer nach Hause/ins Heim zurück kann und müssen dies dann alles nebenbei organisieren. 
Dann wird umgeschoben und gereinigt was das Zeug hält um alle Betten sofort wieder zu belegen.
Die Notaufnahme schimpft seit Stunden, weil Patient X seit 2 Uhr nachts auf ein Bett wartet. 
Wir haben Pflegedienstleitung, Klinikleitung, Geschäftsführung und Betriebsrat informiert, zahllose Gefährdungsanzeigen geschrieben, um Hilfe gebeten, ja gebettelt. 
Erfolglos. 
Die Führungsebene macht lieber persönliche Fehden daraus, statt Probleme zu lösen.

Es wird ohne Rücksicht weiter voll belegt. 

Nur die Fallzahlen sind wichtig.
Krankenhäuser müssen Geld verdienen. 
Ob Menschen deshalb Schaden nehmen – gleichgültig ob nun zu Pflegende oder Pflegende, es kümmert niemanden. 

Meine Kollegen und ich haben zu viel Schaden genommen. 
Uns bleibt nur der Pflexit.

Auch das las ich kürzlich: die Gesellschaft müsse auf die Strasse gehen, nicht die Pflege. 

So ist es, denn Ihr werdet morgen diejenigen sein, die Schaden nehmen.



Sr. Whistleblower*



*leider kann man sowas nur Anonym veröffentlichen, sonst hat man sehr schnell einen Pflexit, ob man will oder nicht.

Mittwoch, 12. Oktober 2016

Offener Brief an Die Welt

Offener Brief an "Die Welt"


Soeben las ich diesen Artikel der Welt.

Und allein die ersten beiden Sätze beförderten meinen Blutdruck in pathologische Höhen.
Dort heißt es nämlich: „Das Durchschnittseinkommen Hochbetagter (in NRW) reicht laut einer Studie oft nicht aus, um ein Altenheim aus eigener Tasche zu bezahlen. DAS LIEGT AN vergleichsweise FAIREN LÖHNEN FÜR PFLEGEKRÄFTE.“

Zwei Skandale in zwei Sätzen:

  1. Die Rente vieler Pflegebedürftiger geht offenbar zu 100% für eine stationäre Unterbringung drauf, so dass Sozialämter noch zusätzlich einspringen müssen, sobald sämtliche Vermögenswerte verfrühstückt wurden.

  1. Schuld daran sind natürlich die fiesen Pflegekräfte, die so etwas wie eine „faire Entlohnung"  fordern. Wo gibt es denn sowas?

Ach ja, in NRW gibt es so etwas. Da werden angeblich in Borken Pflegekräften satte 3175 Euro brutto durchschnittlich hinter her geworfen. Pfui! Wie unverschämt ist das denn? Rechnet man die Zulangen für Spät- und Nachtdienste sowie für Sonn- und Feiertagsarbeit heraus, bliebe da ja ein sagenhaftes Grundgehalt von...
Ach lassen wir das. Es ist einfach unverschämt und gemein den zu Pflegenden gegenüber.
Die pflegerischen Fachkräfte im Osten Deutschlands machen es schließlich vor. In Leipzig zum Beispiel. Da buckeln die Kollegen auch rund um die Uhr und sind dankbar für ganz doll viel politisch-verbale Anerkennung, zweimal im Monat ein „Also deinen Job könnte ich ja nicht.“ des Nachbarn und ein Durchschnittseinkommen von 1714 Euro brutto. Na geht doch. Und schon kostet der Heimplatz wenig genug, dass Tante Hildegards Witwenrente ausreicht und weder ihre Angehörigen noch das Sozialamt mit irgendwelchen zusätzlichen Kosten belästigt werden.

Und jetzt mal im Ernst:

Was stimmt mit Euch nicht?

Wir Pflegekräfte sind doch kein beschissener Kostenfaktor. Wir sind Menschen. Menschen, die es zu ihrem Beruf gemacht haben, professionell Alte und Kranke zu pflegen. Menschen, die mit diesem Beruf ihr Leben finanzieren müssen. Vielleicht auch eine Familie ernähren. Menschen, die womöglich mal in Elternzeit gehen wollen (Elterngeld!). Menschen, die ein erhöhtes Risiko haben, selber krank zu werden (Krankengeld!). Menschen, die sofern sie sich nicht vorher tot schuften, auch nach ihrem Berufsleben über die Runden kommen wollen (Rente!).

Lieber Welt Schreiberling, haben Sie eigentlich daran gedacht, dass für all diese Dinge, also von Elterngeld bis Rente, die Zulangen für Nacht- Feiertagsarbeit etc. oder wie wir es nennen „das Schmerzensgeld für den Verzicht auf ein Sozialleben“ völlig irrelevant sind? Es zählt einzig das Grundgehalt. Und das muss man jetzt nicht mal detailliert ausrechnen oder Borken mit Leipzig vergleichen, um auf den ersten Blick zu erkennen „Oh, das könnte knapp werden.“
Natürlich kann man sich darüber freuen, dass Sozialämter in Ostdeutschland seltener einen Heimplatz bezuschussen müssen. Blöd nur, wenn dafür die Familien der Pflegekräfte auf sogenannte „Aufstockung“ angewiesen sind oder ehemalige Pflegende Grundsicherung benötigen, nicht wahr?

Wenn Sie den Finger in die Wunde legen wollen, dann fragen Sie doch mal, wie es dazu kommen konnte, dass viele Renten zur Finanzierung einer menschenwürdigen Versorgung pflegebedürftiger Senioren zu niedrig sind!


Fragen Sie, wie es dazu kommen konnte, dass eben jene, die diese wichtige Aufgabe übernehmen, einzig als Kostenfaktor betrachtet werden!

Fragen Sie, wie eine Gesellschaft Jahrzehnte lang bei den Themen Krankheit, Pflege im Alter und Tod einfach weg sehen konnte!

Fragen Sie, warum jeder gut versorgt, aber niemand dafür bezahlen möchte!

Für die Zukunft gebe ich ihnen einen Tipp: Wenn sie etwas zum Thema Pflege schreiben wollen, vermeiden sie es so zu tun, als würde irgendwo in Deutschland die hoch professionelle, zwingend notwendige, physisch wie psychisch anstrengende Arbeit meiner Kollegen, von der Menschenleben abhängen, auch nur annähernd adäquat entlohnt.

Pflegenotstand? Da war doch was. Liegt wohl kaum an der tollen Entlohnung und den supi Arbeitsbedingungen, dass viel zu wenige einen der Pflegeberufe ergreifen bzw. zu viele bereits nach kurzer Zeit wieder aussteigen, oder?

Außerdem vermeiden Sie bitte den armseligen Versuch, Gesunde (also Einzahler in Pflege- und Krankenkasse), Pflegebedürftige und Pflegekräfte gegeneinander auszuspielen, in dem Sie irgendjemanden einfach zum Kostenfaktor degradieren, für den dann „ein Anderer“ aufzukommen hat.

Es sind Menschen, die es verdient haben menschenwürdig gepflegt zu werden.
Und es sind Menschen, die Überstunden machen und bis an ihre physischen und psychischen Grenzen gehen um eben genau das tun.


Teilweise für 1714 Euro brutto und drunter. Denken Sie mal darüber nach!



Eure schwerst mehrfach angesäuerte

@emergencymum

Samstag, 24. September 2016

Alle gegen die Pflege

Was ist denn da schon wieder los?

Ich habe vor ein paar Tagen einen SZ Artikel zur Situation der Krankenhäuser in München gelesen, der mich einfach nicht loslässt.
Der Artikel fing vielversprechend an um mich dann am Ende erstaunt und wütend zurückzulassen. Am Anfang ging es darum, dass die Münchener Krankenhäuser sich um Pflegepersonal bemühen müssen und dass sie dabei mittlerweile allerlei Sonderkonditionen bieten müssen um überhaupt noch Fachkräfte binden zu können.
Ich war entzückt, endlich ist es in Deutschland dazu gekommen, dass begriffen wird, Pflege ist ein Arbeitnehmermarkt. Es bewegt sich was, dachte ich.
Und dann das:

"Der runde Tisch ist erst der Einstieg in ein komplexes Thema. Mir ist wichtig, dass die Kliniken nun miteinander reden und sich nicht auf dem Arbeitsmarkt gegenseitig die Kräfte streitig machen", sagte Jacobs. Das Problem, gute Kräfte dauerhaft in der Stadt zu binden, kennen zumindest die meisten Betreiber. Doch konkrete Zahlen über die Situation in München gibt es nicht. Die eigenen Zahlen kennen alle Krankenhäuser, die der Konkurrenten eher nicht. Deshalb spendiert die Stadt zum Start des runden Tisches 100 000 Euro für ein eine exakte Analyse der Situation."

Eine Aussage der Gesundheitsreferentin der Stadt München.

Dass sich Arbeitgeber zusammen schließen um sich nicht gegenseitig dass Leben schwer zu machen, ist ja okay. Aber dass die Politik und Verwaltung dieses anstößt und auch gleich noch Geld dazu gibt, lässt mich fassungslos zurück....

Die Politik, die ständig von der armen Krankenschwester spricht, für die sich die schwere Arbeit wieder lohnen muss, will dass die Marktgesetze nicht gelten. Ich finde schon das hat echt Geschmäckle. Man versucht aktiv ein Bündnis der Arbeitgeber zu schmieden um den Forderungen der Arbeitnehmern etwas entgegen zu setzen. Anstatt die Zeichen der Zeit zu erkennen und zu begreifen, der Pflegenotstand ist da, wird analysiert und gegen die Arbeitnehmer gemauert.

Sicher, die Stadt München betreibt Kliniken, daher ist es ihr eigenes Interesse, dass sie nicht jeden Preis mitgehen wollen. Also wird hier aktiv versucht in den Markt einzugreifen. Es geht ums Geld nicht um die Pflegekräfte.
Wie ist es denn mit der immer so viel beschworenen Nachhaltigkeit?
Man will also Personal rekrutieren ohne mehr Geld in die Hand zu nehmen?
Man glaubt, man könnte so die Situation verbessern?
Wohl kaum!

Es ist Zeit, dass endlich erkannt wird, die Pflege kann ganz Deutschland in den Würgegriff nehmen wenn sie nur will! Da helfen auch keine 100.000 Euro für eine Analyse nichts. Wir sind zu wenig und das kann man nicht allein durch eine Ausbildungsoffensive ändern. Denn wenn danach die Kollegen schreiend weglaufen, weil die Bezahlung Mist ist, die Arbeitsbedingungen unerträglich, die Freizeit immer öfter unterbrochen wird und man letztendlich nur noch für den Arbeitgeber lebt, dann muss das Übel an der Wurzel gepackt werden.
Faire Bedingungen, faire Bezahlung, planbare Freizeit und vor allem Respekt gegenüber den Mitarbeitern. Dann könnte es was werden. So, liebe Freunde aus München, ist das nur der klägliche Versuch Gras auf einem Minenfeld zu sähen, das man selbst angelegt hat durch jahrelanges Wegsehen.

Aber bitte, macht nur weiter so! Das dicke Ende kommt bestimmt.

Euer

Garcon de Piss


Montag, 29. August 2016

Keine Sorge, ich bin noch da

Hallo Leute,

für alle die hier Regelmäßig reinschauen ob sich was neues an der Pflegefront getan hat:

Ja, es hat sich was getan. Zumindest bei mir persönlich. Ich werde euch bei Gelegenheit berichten. Nachdem sich die Wogen etwas geglättet haben in meinem neuen Aufgabenfeld werde ich auch weiterhin die Welt mit meinen Ansichten nerven.

Verliert den Blog also bitte nicht aus den Augen, ich nehme nur Anlauf.

Euer

Garcon 

Dienstag, 1. März 2016

Die neue verbesserte Pflege

Wie man durch eine Reform genau kein Problem löst.


In letzter Zeit habe ich mir viele Gedanken über die Arbeit und die Bedingungen in der Pflege gemacht. Da kam die Reform der Pflegeausbildung gerade recht. Endlich nimmt sich jemand der Probleme der Pflegenden an und geht Reformen an, die lange nötig waren.Als ich den Entwurf in die Finger bekam war ich irritiert. Noch in den Vorbemerkungen steht, dass die Regierung zu ihrem Entwurf keine Alternativen sieht,Wenn ich eines in meinem Leben gelernt habe, dann, dass es immer eine Alternative gibt. Aber vielleicht, so dachte ich, ist die Reform ja trotzdem gut gemacht und somit eine gute Alternative.

Es soll also eine vereinheitlichte Pflege geben, weil andere Länder das schließlich auch so machen.

Ich könnte jetzt so einige Beispiele angeben, wo Deutschland mal gepflegt drauf pfeift, was die anderen so machen, im Positiven wie im Negativen, um eine paar Schlagworte in loser Reihenfolge ohne Wertung zu nennen: Energiewende, Atomaustieg, Tempolimit auf Autobahnen, Flüchtlinge, Breitbandvernetzung und vieles anderes mehr.

Warum also sind wir grade in Puncto Pflege plötzlich so international?

Oder sind wir gar nicht so international, sondern verdecken mit diesem Argument etwas, von dem eigentlich kaum jemand Kenntnis hat. Deutschland ist nämlich ein Spezialfall und das gleich in zweierlei Hinsicht. Pflege ist in Deutschland kein akademischer Beruf. Nun könnte man mit Fug und Recht anmerken, dass die Reform eben dieses angeht. Diese Meinung kann ich nicht teilen, da nicht der Pflegeberuf als solcher akademisiert werden soll, sondern nur Teile davon. Nur ein kleiner Teil der Pflegekräfte wird das Studium zum Einstieg in den Beruf nutzen, ist die Meinung der Politik. Warum geht man davon aus?Da sind wir beim zweiten Teil der Sache. International wäre eine mit einem Abitur vergleichbare Schulausbildung nötig, um den Beruf zu ergreifen. Ob das nun sinnvoll ist oder nicht sein einmal dahin gestellt. Aber es ist, zumindest in den meisten Ländern, auf die wir uns berufen so. Auch die EU hat solche Bestrebungen, siehe hier 
Jetzt ist für mich die Frage was steckt dahinter? Warum wollen wir unser System über den Haufen werfen? Ist unser System wegen der Dreiteilung nicht in der Lage die Zukunft zu meistern?Als Begründung wird unter anderem genannt, wir müssten unser Pflegesystem robuster machen für zukünftige Herausforderungen.Dafür sollten wir uns mal überlegen, was diese Herausforderungen eigentlich sind. Das geht natürlich nicht, ohne zu betrachten welche Erwartungen an das Gesundheitssystem jetzt schon gestellt werden und welche Probleme schon jetzt bestehen.

Eine dieser Erwartungen ist, dass moderne Medizin plus die Pflege dafür sorgen, dass ich möglichst frei von Defiziten mein Leben gestallten kann. Sollte ich also erkranken oder einen Unfall erleiden, werde ich, so ist die Hoffnung, ohne bleibende Schäden davon kommen.Die andere ist, dass ich im Alter mit Unterstützung selbstbestimmt leben kann, ohne das ständig an meinen Defiziten herumtherapiert wird.

Das hört sich doch ganz vernünftig an.

Es ist auch ganz vernünftig! Deswegen haben wir ja den Unterschied zwischen Kranken-, Alten- und Kinderkrankenpflege. Verschiedene Lebenssituationen brauchen verschiedene Pflege. Soweit, glaube ich, wird mir jeder zustimmen. 
Warum sieht sich Deutschland aber genötigt, dieses System aufzugeben?Wird die Altenpflege grundsätzlich nicht mit multimorbiden Patienten fertig?Ich denke sie wird gut damit fertig. Durch den Fokus auf die Lebensqualität und ihre spezielle Ausbildung kann sie diesen Menschen besonders dann zur Seite stehen, wenn Heilung nicht mehr das primäre Ziel sein kann.

Was ist mit der Krankenpflege? Ist sie nicht in der Lage mit beispielsweise dementen Patienten umzugehen?Doch das ist sie. Zumindest für die Zeit, in der jemand im Krankenhaus ist. Aber gerade diese Zeit so kurz wie möglich zu halten ist ein Ziel der Krankenpflege.
Bei der Kinderkrankenpflege fällt mir genau kein Argument ein warum etwas geändert werden sollte.

Kinderkrankenpflege besteht in einem Spannungsfeld, das seinesgleichen sucht. Wer daran etwas ändern will, hat keine Kinder und hat sich auch nie wirklich mit kranken Kindern beschäftigt. 
Das Problem was wir alle haben ist kurz und bündig in erster Linie eines: Personalmangel.

Warum wollen wir also nochmal dieses System aufgeben? Um besser zu werden? Werden Spezialisten nicht dadurch besser, dass sie den Fokus auf ein Spezialgebiet legen?In allen anderen Berufen scheint das Konsens zu sein. Warum aber soll gerade die Pflege eine Aufwertung durch Verallgemeinerung erfahren? Oder könnte es gar möglich sein, dass es sich dabei um ein Scheinargument handelt? 

In meinen Augen spricht einiges dafür. Denn das Hauptproblem der Pflege und ihrer Qualität in Deutschland ist nicht primär die Ausbildung der Pflegekräfte. Ihre Anzahl ist der limitierender Faktor.Wie kann das sein? Jeder, der auch nur einigermaßen Wirtschaftlich denkt, weiß, Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Nur in der Pflege nicht, weil die Pflegenden Menschen nicht die sind, die bezahlen. Es gibt eigentlich keinen Markt.Es gibt eine Geldmenge X die zur Verfügung steht, mehr nicht. 
Was mich übrigens auch stutzig macht, dass die Arbeitgeberseite offensichtlich Feuer und Flamme für die Idee der neuen Pflegeausbildung ist.Man könnte jetzt natürlich behaupten, sie wollen schließlich die Versorgung der Patienten verbessern. Das Argument klingt gut und man hört es auch regelmäßig. Mir fehlt da allerdings der Glaube. Meine Erfahrung sagt mir, Arbeitgeber applaudieren nur, wenn sie finanzielle Vorteile sehen. Das würde kein Arbeitgeber im sozialen Bereich offen kommunizieren. Allerdings sind Arbeitgeber in der Pflege eher nicht dafür bekannt, nach verbindlichen Pflegeschlüsseln zu rufen um ihre Qualität zu verbessern.

Könnte es also möglich sein, dass es billiger ist die Generalistik zu fördern als das heutige System?

Es spricht einiges dafür. Pflege ist teuer und ihr Wert ist nicht materiell. Alles, was direkt messbar ist, sind die Kosten, die sie verursacht. Kosten an denen die gesamte Gesellschaft beteiligt ist. Es ist damit sicher auch ein Ziel, diese zu senken, das leuchtet ein. 

Andererseits ist es unklug, das offen zu sagen, denn der allgemeinen Lebenserfahrung der Menschen entspricht die Erkenntnis, dass bessere Leistung bei weniger Kosten nur mit technischem Fortschritt einher geht. Ich bin der Überzeugung, dass wirklich jedem klar sein müsste: Technischer Fortschritt in der Pflege ist eher unmöglich. Das heißt nicht, dass es keinen Fortschritt gibt, der ist aber eher akademischer Natur. Im eins zu eins Kontakt ist keine Zeit mehr zu gewinnen ohne auf Menschlichkeit zu verzichten.Deswegen glaube ich, dass Arbeitgeber in Zukunft Kostenvorteile in der Generalistik sehen. Die Senkung von Personal und Sachkosten ist nämlich die einzige Möglichkeit Gewinne zu verbessern.

Wo kann also der Vorteil der Generalistik für Pflegende liegen? 

Ein Argument ist, dass es zu einer Aufwertung des Pflegeberufs kommt. Es wird grade zu als logische Folge der Generalisierung der Ausbildung verkauft.Der Mechanismus, der dahinter steckt ist mir allerdings nicht klar.Am ehesten könnte man es damit erklären, dass Entscheidungsträger ins Ausland geschaut haben und sich überlegt haben, was die anderen anders (besser?) machen. Schließlich hat in vielen anderen Ländern die Pflege ein ganz anderes Ansehen als in Deutschland.Somit könnte das Fazit gewesen sein: Dort gibt es Generalistik und Akademisierung.Das ist sicherlich richtig aber es gibt nur beides zusammen.Was man offensichtlich nicht auf dem Schirm hatte, war die dementsprechende Bezahlung.Warum auch? Pflegekräfte selbst laufen ja rum und propagieren, dass sie lieber mehr Kollegen als mehr Geld haben wollen. Welch unbedachte Aussage. Das hört sich bei Menschen, die von der Finanzierung der Pflege wenig Ahnung haben so an, als müsse man nur genug ausbilden und alles läuft wieder Rund. Dass die Geldmenge, die für die Pflege zur Verfügung steht, aber weitgehend fix ist und droht, bei jetzigem Modell weniger zu werden, ist kaum jemandem bewusst.

Es scheint aber, dass die Entscheidungsträger sehr wohl wissen, dass eine Akademisierung auf breiter Front mit Sicherheit zu steigenden Personalkosten führen würden. Da schlägt man wohl doch lieber den Weg der Mischkalkulation ein. Wenige hochqualifizierte akademisierte Pflegekräfte für die Qualität, und generalisierte, man entschuldige mir den Ausdruck, Lastesel für die Quantität.

Das ist meiner Meinung nach nicht einmal verwerflich, wenn man es denn so kommunizieren würde.

Man redet aber nicht offen, weil unser Staat wie so oft Angst hat, dass uns Teile dieser Antwort verunsichern könnten. Man baut also ein leistungsfähiges Ausbildungssystem um, um der gewaltigen Menge an Arbeit, die in Zukunft uns alle treffen wird, irgendwie bezahlbar zu halten. Im Stillen. Nach Aussen wird es als Qualitätsverbesserung kommuniziert. Dafür muss man aber schon, ich sag es mal salopp, Nüsse haben.Dafür muss man nämlich einen Standpunkt einnehmen, den die meisten Menschen sich nicht vorstellen können, einen Standpunkt in der Zukunft.Wenn ich mir überlege wie es in 20 Jahren in Deutschland aussieht, macht es nämlich Sinn. Wir leben in einer alternden Gesellschaft, in der die körperlichen Gebrechen auch im hohen Alter immer weniger einschränken. Die Alltagskompetenzen sinken aber trotzdem, da unser Körper deutlich besser und fitter altert als unser Gehirn.Das wird dazu führen, dass sehr viel mehr an Alltagsbegleitung für unser Senioren nötig sein wird. Gleichwohl wird man mit den Jahren erfahrungsgemäß nicht gesünder.Ausserdem streben wir immer mehr zu smarten und vernetzten Lösungen.Aus dieser Sicht macht es natürlich Sinn ein Heer von Alleskönnern an der Front zu haben, die einfach nur an kompetente Stellen weitermelden.Das spart Ressourcen. Das verbessert dann die Qualität in der Zukunft, denn ein weiter wie bisher kann die Qualität keinesfalls halten. Zwar stellen sich Menschen unter Qualitätsverbesserung was anderes vor, aber eben nur weil sie ihren Standpunkt im hier und jetzt haben. 

Auch das ist an und für sich kein Problem.

Was in der Diskussion fehlt ist die Ehrlichkeit.Es geht einfach um Geld und Priorisierung. Wir können nicht mehr alles auf hohem Niveau betreiben, es wird schlicht zu teuer Spezialisten zu beschäftigen.Die Medizin macht es uns gerade vor, explodierende Kosten an allen Fronten, für zum Teil marginale Erfolge.

Kann damit die Generalisierung helfen das Problem zu lösen?
Ich denke nicht, denn das Pferd wird von hinten aufgezäumt.Es ist eine Lösung für ein Problem, was ich zur Zeit nicht habe.Das Problem ist im Moment nicht, dass uns der demographische Wandel erschlägt.Das Problem ist ein ganz akuter Mangel an Personal, das steigert den Druck auf die Kollegen und die Qualität leidet massiv. Die Folge ist eine dauernde Unzufriedenheit unter den Mitarbeitern.

Man könnte jetzt einwerfen, aber durch die Generalistik werden mehr Menschen in den Pflegeberuf kommen. Ich wage das mal zu bezweifeln. Warum sollten Menschen, die jetzt sagen der Pflegeberuf ist nichts für mich, sagen, wenn ich im Altenheim und im Krankenhaus und irgendwie überall arbeiten kann, dann entscheide ich mich sofort dafür.

Diese Ansicht es würden mehr kommen basiert nämlich auch wieder auf einem kleinen Taschenspielertrick:

Die klammheimliche Absenkung der Zugangsvoraussetzungen, also eigentlich das Gegenteil von Akademisierung.

Auch da wird einem direkt um die Ohren gehauen, dass man doch nicht meinen sollte, ein besserer Schulabschluß macht einen besseren Menschen. Das empfinde ich übrigens als Beleidigung meiner Intelligenz. In einer Gesellschaft, in der ein Mensch ohne Abitur schon als dezent defizitär gilt, jemandem das vorzuwerfen ist hart.Ich machen den Wert eines Menschen garantiert nicht an seiner Schulbildung fest, aber ich habe die Regeln in dieser Gesellschaft auch nicht gemacht.In Deutschland gilt die Faustformel, je höher der Schulabschluss desto höher das zu erwartende Einkommen.Deshalb erwarte ich, dass die Löhne im Pflegebereich nach einer Umstellung zumindest stagnieren werden.


Aber da hat man ja auch schon eine Lösung: Weiterqualifizieren.Hört sich doch gut an. Eine breite Ausbildung und dann eine spezialisierte Qualifikation, das macht was her.

Ja daraus könnte ein Schuh werden.

Dennoch befürchte ich, dass auch  hier die Realität anders aussehen wird.Ich sehe nämlich keine Verpflichtung für die Arbeitgeber, Fortbildungen und Weiterqualifizierung zu unterstützen.Im Gegenteil, wenn ich das selbe Geld verdiene, unabhängig davon ob und wie viel ich in die Qualifikation meiner Mitarbeiter investiere, und genau das ist in unserem Finanzierungssystem der Fall, dann verzichte ich doch eher.Warum sollte ich Fortbildungskosten zahlen, auf Arbeitszeit verzichten und danach möglicherweise auch noch mehr Lohn zahlen, wenn mein finanzieller Vorteil bei genau Null liegt?Da kann nur eine gesetzliche Verpflichtung helfen, aber da viele Arbeitgeber wie oben erwähnt so sehr die Generalisierung fordern, fürchte ich, dass der Plan anders aussieht.
Und das kann man auch schon an den von der Politik vorgebrachten Argumenten sehen.Einer der Vorteile der neuen Ausbildung soll sein, in jedem Bereich arbeiten zu können. Da wäre es ja hinderlich wenn man spezielle Fortbildungen für bestimmte Bereiche allgemeinverbindlich vorschreibt.
Ich befürchte es werden dann ein, zwei Kollegen eine Fachausbildung bekommen, vorzugsweise in Führungsverantwortung und der Rest bleibt der Rest. Wenn man dann davon ausgeht, dass in absehbarer Zukunft nur noch Kollegen mit Studium die Führungsverantwortung übernehmen werden, dann sehe ich etwas auf uns zukommen, was wir so ähnlich schon hatten. Ein System von Pflege und Pflegehelfern. Daraus könnte man dann ja spitzfindig konstruieren, dass die Pflege ja aufgewertet wird, nun der "qualifizierte" Teil zumindest.

Die Pflege wird sich verändern, soviel ist sicher. Die Probleme müssen gelöst werden, aber dabei einzig auf die Karte Hoffnung zu setzten ist ein erschreckend schmales Brett
.
Es hat auch schon Umfragen gegeben, in denen Kollegen gefragt wurden, ob sie den Beruf nochmals ergreifen würden, wenn es eine generalistische Ausbildung gäbe. 30% sagen nein. Ob das repräsentativ ist, weiß ich nicht. Noch viel weniger weiß ich, ob mehr junge Menschen wegen einer generalistischen Ausbildung den Beruf ergreifen.Ich denke, was Menschen in den Beruf ziehen könnte, sind fairer Lohn, familien- und sozialebenstaugliche Arbeitszeiten, Aufstiegsmöglichkeiten und Anerkennung in der Gesellschaft. Aber ich sehe nicht, dass von der Änderung des Pflegeberufegesetzes auch nur der kleinste Impuls in diese Richtung ausgehen wird.

Ganz besonders bei der Anerkennung sehe ich leider schwarz. Die Aussage, man braucht nur noch eine Pflegeausbildung, hört sich für mich schwer nach "pflegen kann jeder" an.Es befördert eher den Gedanken, dass Fachwissen von sekundärer Bedeutung ist.Es gehört eben Herz und Menschlichkeit dazu, dann noch ein bisschen Ausscheidungsmanagment und Waschlappenakrobatik und fertig ist die universell einsetzbare Pflegekraft.

Polemisch? Ich denke nicht! 

Was würde man in anderen Berufen sagen wenn jemand sagt, eure Ausbildung wird abgeschafft und mit anderen zusammen gelegt für das was ihr tut braucht ihr euer Spezialwissen nicht!Wie wäre die Reaktion, würde man vorschlagen Lehrer und Erzieher in einer generalistische Ausbildung mit niedrigen Zugangsvorraussetzungen zusammen zu fassen. Schließlich betreuen die ja alle irgendwie Kinder und für Mathematik in der Oberstufe, kann man sich ja notfalls weiter qualifizieren? Und dieser Vorschlag würde dann als Lösung für den Lehrermangel präsentiert.

Der Aufschrei wäre gewaltig.Und das mit Recht. 

Natürlich passiert so etwas nicht. Erst recht nicht in der Industrie. Wie auch, es gibt ja Handwerks- und Industrie und Handelskammern, die nach ihrem Bedarf die Ausbildungsordnungen anpassen. Schließlich weiß man ja, was der Kunde braucht.Wir brauchen das alles nicht. Wir lassen uns einfach von oben sagen was Lage ist und gut ist. Das ist alte Pflegetradition. Offenbar kommen wir nicht einmal auf die Idee, dass Kassenlage und Lohnnebenkosten die Intention für eine Pflegereform sein könnten. 
Wir als Pflegende stecken offenbar so fest in unserer Sichtweise, dass niemand merkt, dass keiner unser Bestes will.Wir glauben Ziel jeden Handelns ist eine Verbesserung.
Das ist ja auch so, aber wir kommen nicht auf die Idee, dass es nur eine Verbesserung für Andere sein könnte und man uns übergeht. Das merkt die Pflege dann erst wenn es zu spät ist und gibt sich dem eingeübten Jammern hin.

Nun will ich hier gar nicht in Abrede stellen, dass eine umfassende Reform der Pflegesituation in Deutschland von Nöten sein wird. Allerdings bin ich der festen Meinung, dass wenn weiterhin die Basis der Pflegenden bei solchen Prozessen ausgeschlossen ist, keine Verbesserung für Irgendwen erreicht wird, nicht für die zu Pflegenden und auch nicht für die Pflege.

Das Pflegepersonal wir erst nach der Reform einfach abstimmen, wie immer mit den Füßen.Das ist so, und das bleibt so. 
Der Personalmangel ist genau so entstanden.
Darüber sollten sich alle Beteiligten in diesem Spiel klar sein.


Euer
Garcon de Piss



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