Freitag, 12. Juni 2015

Wenn Ahnungslosikeit auf Ignoranz trifft, System Krankenpflegeausbildung..

Hallo Ihr Lieben,

jetzt habe ich des öfteren ja nun schon auf Twitter über meine Ausbildung geschimpft. Nach einigen Überlegungen, habe ich nun doch den Schluss gefasst, mal ausführlich zu berichten. 3 Jahre lang Scheiße am laufenden Band möchte ich Euch aber nun auch nicht antun, weshalb ich mich für ein Drama in 3 Akten entschieden haben. Hier folgt nun gleich der 1. Akt. 1. Station, 1. Einsatz im Krankenhaus. Ich hoffe, ich kann annähernd rüber bringen, wie ich mich damals gefühlt habe und warum. Ich weiß es nämlich heute noch genau. Wie so ein Albtraum, den man nie wieder vergisst. Eigentlich ganz weit weg, aber denkst Du drüber nach, geht der ganze Körper auf Alarmstufe. Naja, genug der Einleitung. Lest selbst!


Wenn Ahnungslosigkeit auf Ignoranz trifft


4 Wochen Schule sind rum. Ich weiß wie ich einen Waschlappen halten muss, kenne die nötigsten Hygienevorschriften, habe einen Spind und passende Schülerklamotten und weiß was ich zu lassen habe. Nämlich alles wovon ich keine Ahnung habe. Bloß keine Patienten kaputt machen. Am besten überhaupt nichts kaputt machen. Los geht`s in den ersten Praxisblock im Krankenhaus. „Hallo, ich bin Julia, ich bin hier für 3 Monate die Schülerin.“ (Nein, ich heiße nicht wirklich Julia. Aber das ist auch völlig egal. Meinen Namen werde ich ohnehin die nächsten 3 Jahre im beruflichen Alltag nur noch äußerst selten hören.)
„Ja Moment, ich hole Stefan. Ich glaube der soll den Bezugspfleger für Dich machen. Du bist die erste vom Unterkurs oder?“
Dass das eins der größten Probleme für mich werden sollten, war mir zu dem Zeitpunkt noch nicht bewusst.

Unterkurs = kann nix = was sollen die eigentlich hier auf der Station?

Stefan stellt sich vor. Stefan ist nett. Wirklich nett. Stefan ist froh, dass ich die 20 bereits überschritten habe und sogar schon Mama bin. Das ist eben die Onkologie. Und viele junge Mädchen kommen damit nicht so richtig klar. Sterbende. Menschen, die es wahrscheinlich nicht schaffen werden. Das ist oft zu viel „für die ganz jungen Dinger“. Ich erkläre Stefan, dass meine sterbende Oma der Auslöser dafür war, diese Ausbildung anzufangen und meine kaufmännische „Karriere“ nicht weiter zu verfolgen. Ich komm schon klar. Hauptsache mir wird alles erklärt. Ich möchte um Gottes Willen nichts falsch machen. Stefan legt los. Wir müssen jetzt los. Station zeigen läuft „im laufenden Betrieb“. Die Patienten müssen gewaschen, gemessen, mit Medikamenten versorgt werden usw. Ich folge. Stefan erklärt mir, was er tut. Direkt mal einen Katheter neu legen. Stefan erklärt wie es geht, zeigt mir die Kurven, die Diagnosen, die Medikamente, was wichtig ist zu beachten. Wir gehen von Patient zu Patient. Ich helfe wo ich kann. (was natürlich jetzt nicht so besonders viel ist) Der Tag geht rum wie nichts. Ich habe 1000 Informationen im Kopf aber das war toll! Ich werde jetzt echt Krankenschwester. Meine Güte, was muss ich noch alles lernen aber am Ende bin ich tatsächlich Krankenschwester. Stimmt ja gar nicht, was die von den Kursen über uns erzählt haben. Von wegen musst Dir alles allein beibringen. Keiner erklärt Dir was. Waschen, waschen, waschen sonst nichts. Ich hab Stefan, alles wird gut.
Dieser Enthusiasmus hielt genau 2 Frühdienste an.
Am 3. Tag musste ich nämlich zur Stationsleitung. Die war völlig außer sich. Was mir einfallen würde, meine Arbeit nicht zu machen. Schlimm genug, dass die Schule jetzt auf die völlig bekloppte Idee käme, Unterkursschüler auf die Onkologie zu schicken. Die hätten da eh nichts zu suchen. Aber ich wäre auch noch faul und würde nicht mal meine Arbeit machen. Das müsste dann alles die arme Jahrespraktikantin allein erledigen. Und was ich mir überhaupt dabei denken würde wie Krankenhaus so läuft.

Ja, um es wie auf Twitter zu formulieren: So habe ich auch geguckt.

Was habe ich falsch gemacht? Was sind denn „meine Aufgaben“? Und überhaupt. Wie läuft denn so ein Krankenhaus? Woher sollte ich es wissen? Ich habe kein Praktikum im Krankenhaus gemacht. Keine Mutter, die schon seit Jahren im Haus arbeitet. Keine Erfahrungen. Null! Ich habe nicht mal als Patientin jemals im Krankenhaus gelegen. (unser Sohn wurde, wie alle unsere Kinder, in einer Geburtsklinik geboren) Ich habe nur ein paar Tage meine Oma zu Hause „gepflegt“ und anschließend im Hospiz ihr Sterben begleitet. Dankbar, dass professionelles Pflegepersonal dort war, die meiner Oma und auch uns Angehörigen ganz toll zur Seite gestanden haben, weshalb ich auch Krankenschwester werden wollte.

Was will diese Frau von mir? Die Antwort ist ganz einfach. Zumindest, wenn man es mir vorher gesagt hätte.

  1. Zusammen mit der Jahrespraktikantin alle „einfachen“ Patienten waschen
  2. Wäschewagen auffüllen
  3. Müll und Schmutzwäsche wegbringen
  4. Zu allen Klingeln gehen, Hilfe holen, wenn nötig, sonst selbst abarbeiten
  5. 1 Seite Frühstück verteilen (andere macht die Jahrespraktikantin)
  6. Frühstück wieder einsammeln
  7. Zuckerrunde (meine Kollegen werden wissen, was das sein soll)
  8. Im Früh- wie im Spätdienst 15 Minuten eher kommen und Kaffee für die Übergabe kochen
  9. In der Pause der Examinierten die Patienten ruhig stellen
  10. rennen, rennen, rennen (sonst sieht das so faul aus und gibt ne schlechte Benotung)

Natürlich habe ich, nachdem ich mitbekommen habe, was so von mir erwartet wird, all diese Aufgaben auch erledigt. Jeden Tag. Manchmal auch 14 Tage am Stück. 3 Jahre lang. Aber es war zu spät. Rückblickend muss ich leider sagen, dass ab diesem Tag offensichtlich im ganzen Haus das Gerücht „Die hat es nicht nötig Schüleraufgaben zu machen. Die hält sich wohl für was besseres:“ bereits vor mir da war.
Aber das war natürlich nicht alles. Da war ja noch der Stefan. Mein Bezugspfleger. Also irgendwie auch Schuld an der Misere, dass die olle Schülerin nicht rund läuft. Offensichtlich haben „die“ das dem Stefan dann auch gesagt. Denn ab diesem, meinem 3. praktischen Ausbildungstag, war der Stefan auch nicht mehr so der Alte. Anweisungen, was ich gefälligst zu erledigen habe, das ging noch. Sonst nichts mehr. Für Erklärungen leider keine Zeit. Mit mir zusammen arbeiten? Leider keine Zeit. Die Wäschewagen müssen noch und so.
Selbst darauf hätte ich mich einstellen können. Stefan war anzumerken, dass er unter Druck gesetzt wurde. Und auch wenn nicht mehr viel an sinnvollen Informationen, meine Ausbildung betreffend, von ihm bei mir ankamen, so hat er dennoch versucht, mir immerhin zu zeigen, wie ich die „Schülernummer“ bestmöglich erfüllen kann. Na immerhin. Stefan ist EIGENTLICH ein Netter. Er darf nur nicht so, wie er möchte.
Dachte ich. Dann allerdings kam die Sache mit der isolierten Patientin. (Für die Nicht-Pflegekräfte unter den Lesern: Verboten für Schüler! Isolierte Patienten sind verboten! Und allein schon mal gar nicht und als Unterkursschülerin im 1. Einsatz sowieso ÜBERHAUPT GAR NICHT!!!)
Ich kann nicht einmal mehr sagen, was die Patientin konkret hatte. Krebs halt. Eine sterbende Frau, vollgepumpt mit unzähligen Medikamenten, die gleichzeitig über ein Wirrwarr von Infusionen in den kaum noch vorhandenen Körper laufen. Dünn war sie, viel zu dünn. Und wie gesagt, isoliert. Das bedeutet also, dass wir nur in Schutzkleidung das Zimmer betreten dürfen. Mit Haube, Mundschutz, Kittel, Handschuhen und allem was dazu gehört. Das ist natürlich lästig. Erst recht bei den sommerlichen Temperaturen. Anziehen, schwitzen, ausziehen, dann sieht man schon mal den Rest des Tages echt scheiße aus. Außerdem ist die Patientin zeitweise völlig verwirrt und wird dann aggressiv. Schlägt und beißt, wirft alles, was ihr zwischen die Finger kommt, weil wir sie ja vergiften wollen. Das ist noch lästiger. Und deshalb kann es für das examinierte Pflegepersonal nur eine Lösung geben: Die Schülerin muss da rein.
Ich bekam also eine kurze Erklärung, was ich anzuziehen habe und dass ich ja die Finger von allen Infusionen und Pumpen zu lassen habe und dann rein da. Waschen. Allein.
An meine Kollegen hier mal: Kann sich einer von Euch vorstellen jemanden zu waschen und umzuziehen (normale Kleidung) ohne eine einzige Infusion abzustöpseln? Ich jedenfalls sollte das genau so tun und dann schnell nach einem Kollegen klingeln, der kurz „entkabelt“, Klamotten drüber, wieder anschließt, mir das Frühstück inklusive Medikamente in die Hand drückt und mit den Worten „Guck, was du rein kriegst!“ wieder abhaut.
So stellt man sich liebevolle Pflege vor oder? Die Patienten halb nackt im Bett liegen lassen, bis sich jemand examiniertes findet, der mal kurz „um stöpselt“ und tschüss. Danach Essen „in die Patientin reinkriegen“, weil die ja eh wieder Theater macht von wegen Vergiften und so. Wo bin ich hier bloß gelandet? Was stimmt mit denen nicht? So kann man doch nicht mit Menschen umgehen.
Ich hätte am liebsten geheult. Aber beim Anblick der Patientin kam ich mir lächerlich vor. Die Frau liegt im Sterben, ist verwirrt, hat Angst und wird vom Pflegepersonal konsequent ignoriert. Und die einzige Person, die ihr hilft, bin ich. Die blöde Unterkursschülerin, die völlig überfordert ist und eigentlich keine Ahnung hat, was sie da tut. Die Frau hat ein viel größeres Problem als ich, dachte ich. Also tat ich einfach mein Bestes.
Von dem Tag an, durfte ich jedenfalls täglich zu dieser Patientin. Auch dann noch wenn die Nachtschwester berichtete, dass sie angegriffen und gebissen wurde, interessierte das keinen. Geht ja eh die Schülerin rein, was soll`s? Überhaupt interessierte sich niemand für die Patientin und für mich schon mal gar nicht. Ich funktionierte ja nun endlich, erledigte brav alle „Schüleraufgaben“ und das war es dann auch. Genau genommen brauchte man nicht einmal mehr mit mir zu reden. Es sei denn irgendetwas dauerte zu lange. Das wurde natürlich sofort kommuniziert. Aber was erklären? Fehlanzeige. Meine Fragen beantworten? Um Gottes Willen, keine Zeit. Nicht einmal, wenn ich von der Patientin berichten wollte, hat mir jemand zugehört. Die zuständigen Schwester schrieb jeden Tag ausführlich ihre Dokumentation über eine Patientin, die sie nicht einmal gesehen hatte und hakte Pflegeleistungen mit ihrem Namen ab ohne überhaupt zu wissen, ob ich das auch getan hatte. Langsam begriff ich „wie Krankenhaus so läuft“.

Jetzt fragt ihr Euch bestimmt, wo ist denn der Stefan hin? Der Nette. Das fragte ich mich damals auch. Aber keine Sorge, Stefan bekommt noch seinen Auftritt. Einen ganz großen Auftritt sogar. Aber dazu komme ich dann im 2. Akt. 


Eure @emergencymum

Donnerstag, 4. Juni 2015

Zuwanderung wird es nicht Lösen

Zuwanderung als Lösung

In letzter Zeit findet man immer wieder die allmächtige Lösung für all unsere Probleme in denSozialsystemen: Zuwanderung!
Jetzt kann man mal mit Fug und Recht fragen, was genau soll sie bewirken und wie soll sie gestaltet sein?

Beispiel: Pflegenotstand in Deutschland. Hier soll die Zuwanderung helfen.

Dazu allerdings wäre ja folgendes Voraussetzung: Wir finden Zuwanderer, die qualifiziert sind als Pflegefachkräfte hier bei uns zu arbeiten. Sprich examiniertes Personal. Weiterhin denke ich, (und ich hoffe damit bin ich nicht alleine) ist eine umfangreiche Sprachkenntnis dringend geboten um im täglichen Umgang mit Patienten zu bestehen.

Die Frage ist: Wo finden wir das?

Spanien zum Beispiel, hohe Arbeitslosigkeit, EU Ausland, da sollte was gehen.
Klappt dann aber doch irgendwie nicht so richtig, warum nur? Beleuchten wir mal die Fakten: In Spanien ist die Krankenpflege ein Studium, also top-qualifizierte Leute, die sicher auch in der Lage sind deutsch zu lernen.
Allerdings glaube ich, dass wir da mächtig auf dem Holzweg sind und das gleich auf mehreren Spuren.
Die Pflege in Deutschland besteht aus verdammt viel fachfremder Arbeit. Weiterhin sollte man mal genau überlegen, warum entsteht in Deutschland ein Pflegenotstand? Allgemein wird gesagt, esentscheiden sich nicht genug Menschen für diesen attraktiven und angesehenen Beruf. Da sag ich mal: Dreist in die Tasche gelogen!
Ich sage auch warum, zuerst der Funken Wahrheit: Es entscheiden sich wirklich zu wenige für die Pflege, aber die Gründe sind nicht, weil sie nicht erkennen, dass der Beruf so attraktive Möglichkeiten bietet und bei denen die es glauben, falle ich vom Glauben ab.
Ein Beispiel: In einer Sendung wie Jauch oder ähnlichen Konsorten wird über Pflege gesprochen. Eine junge Dame in Ausbildung spricht über den Beruf und zeichnet ihn in schönsten Farben. Im Verlauf sagt sie, besonders die zahlreichen Fortbildungsmöglichkeiten würden sie interessieren, zum Beispiel die zur Pflegedienstleitung. Dann folgt der Hammer. Die junge Kollegin ist grade einmal 4 Wochen dabei. Aber wer denkt, okay mach mal weiter und dann wirst sehen, guckt wenige Sekunden später dumm aus der Wäsche. Eine weitere Kollegin wird gefragt, vorgestellt als
Pflegefachkraft. Sie bestätigt brav das Bild der jungen aufstrebenden Kollegin als richtig, viele
Fortbildungsmöglichkeiten, da könnten die Kollegen in ungeahnte Höhen aufsteigen. Geiler Beruf also.

Jetzt frage ich mich: Was für einen Notstand haben wir denn aktuell in der Pflege? PDL Notstand oder Pflegenotstand?

Von der erfahrenen Kollegin wird also gesagt, in der Pflege geht die Karriere steil nach oben.
Dumm nur wer es glaubt! Wo sollen die ganzen Leitungstellen denn herkommen? Sie selbst, so stellte sich dar, wird ihre PDL Stelle so schnell sicher nicht räumen. Sie macht es ja auch schon 10 Jahre. Das Fortbildungsgefasel dient also lediglich dazu, jungen Schülerinnen und Schülern falsche Hoffnungen zu machen und ist völlig realitätsfremd. Uns fehlen Indianer, keine Häuptlinge!
Aber da wären ja auch noch die Fachweiterbildungen und Zusatzqualifizierungen. Toll, da lernt man wirklich viel. Und GÄBE es irgendwelche Vorschriften wie „Auf einer Intensivstation darf nur Fachpersonal für Anästhesie- und Intensivpflege arbeiten“ oder „Auf einer Demenzstation müssen
mindestens XY Fachkräfte für Demenzpatienten anwesend sein“ dann ja dann WÜRDE das alles einen Sinn machen. Gibt es aber nicht. Fortbildungen sind Luxus. Den Arbeitgeber interessiert das lediglich an den Stellen, wo er Fachpersonal vorhalten muss. Was bedeutet: Klar kannst Du Dich fortbilden, allerdings nur, wenn dein Arbeitgeber zufällig Lust dazu hat, das viele Geld dafür auszugeben oder Du eben selbst bezahlst. Ach ja, und nach erfolgreicher Fortbildung, machst Du natürlich wieder den gleichen Job wie vorher und wie alle anderen auch zu den gleichen miesen Bedingungen. Mit etwas Glück für ein paar Euro mehr, wobei allerdings dann auch das Ende der Karriereleiter erreicht wäre. Das wird leider auch die junge, aufstrebende Kollegin bald feststellen müssen. Wie auch einige andere Sachen, die ich noch beleuchten will. Sie wird merken, dass 20 andere Kolleginnen exakt den gleichen Plan im Kopf haben: „WEG VOM BETT“ Weil jedem schnell klar wird, dass diese Schlagzahl einfach nicht lange durchzuhalten ist und schon gar nicht bis ins Rentenalter. Was daraus folgt ist oft eine interessante Wendung. Junge Kollegin gibt Gas. Und zwar richtig! Sie ist fleißig, übernimmt Schichten, springt ein, gibt 105%. Jeden Tag. Dumm nur, das machen die 20 anderen
auch. Erfolg der Geschichte, Null!
Naja gut, einer hat Erfolg, der Betrieb nämlich. Menschen, die nach Einspringen betteln, jede auch noch so Arbeitszeit Gesetz verletzende Schicht machen sind ihm nur recht. Warum auch nicht? Wie haben wir jüngst aus dem Fall aus Frankfurt gelernt, bei Netto 12 Cent Strafe pro Verstoß ist das Risiko ja überschaubar.
Unsere dann nicht mehr ganz so junge Kollegin wird irgendwann merken, nach oben geht es nicht, also ist überleben angesagt. Familie war doch eigentlich auch geplant, aber wie? Kitas die um 5 aufmachen, bis 23 Uhr geöffnet haben oder gar nachts Kinder beaufsichtigen? Fehlanzeige! Aber da können wir in unserem verantwortungsvollen Beruf ja unser üppiges Gehalt für Tagesmütter
ausgeben. Diese warten nur darauf, dass sie spontan Samstag Abend angerufen werden weil man einspringen muss...
Es folgt, was leider sehr sehr sehr oft folgt: Der Abschied vom Bett, final.
Raus aus der Pflege.
Was hat das jetzt mit meiner Ausgangsfrage zu tun? Alles! In einem Beruf, in dem der Durchschnitt 6 Jahre durchhält, hat man keinen Fachkräftemangel, sondern ein Abnutzungsproblem.
Was sollte also einen Zuwanderer mit guter Bildung, möglicherweise sogar mit Hochschulabschluß dazu bringen für 1500 Euro Netto in einem Altenheim bei uns zu arbeiten? Genau, einzig und allein finanzielle Not!
Das ist der Grund warum es nur über Zuwanderung klappt, in einer völlig von Rationalisierungzerfressenen Branche mit kargen Löhnen, wird man keine hochmotivierten Leute mehr nach Deutschland ziehen. Und es dann bei ärmeren zu Versuchen weil mir die eigenen Leute auch noch desertieren, ist gelinde gesagt eine skrupellose Nummer. Keiner hat die Eier zu sagen, dass dieses  System gestern noch am Abgrund stand aber heute schon einen Schritt weiter ist. Das Setzen auf Zuwanderung ist nicht der Fallschirm sondern erhöht nur die Fallhöhe!
Genau wie unsere Kollegen hier werden diese Zuwanderer erkennen, das das System stinkt! Und sie werden gehen, noch schneller noch kompromissloser als wir, denn sie haben es schon einmal getan. Diese Leute haben auf der Suche nach guter Arbeit ihr Land verlassen, was sollte sie gerade in unserem halten? Wer meint, man könnte das System so retten, hat für die Realität keinen Sinn mehr.
Das ist Flickschusterei! Im übrigen denke ich, dass eine Gesellschaft die versucht, ihre offensichtlichen Probleme in der Zukunft zu verharmlosen, auch kein besonders attraktiver Ort für Zuwanderer ist. Wir verlieren Tag für Tag gute Kollegen, die sich aus dem Gesundheitssystem verabschieden und anstatt, dass dieses
Problem gelöst wird, hofft man, in dem man andere Länder ihrer Pflegekräfte beraubt, das Niveau zu halten. Logisch, jetzt ist es nicht mehr zu schaffen ohne Zuwanderer. Aber nur wenn wir weitermachen wie bisher. Hier sollte der Gedanke der Nachhaltigkeit mal Einzug finden. Ein System, was ständig neue Leute ausbilden muss weil andere flüchten kann nur teuer werden und wer meint, das könne man umgehen, in dem man eine Abkürzung nimmt, der wird scheitern.

Zuwanderung ist sicher auch notwendig, aber die alleinige Lösung ist sie keinesfalls.
Die Lösung, das verspreche ich, wird kommen und sie wird Geld kosten, viel Geld. Jeden Tag, denwir abwarten anstatt zu handeln wird es teurer machen. Mit der Generation 50+ werden Märkte für Pflegekräfte außerhalb des Systems entstehen, denke ich. Viele der Babyboomer haben Vermögen,wenige Kinder, die es übernehmen könnten, und wollen bestimmt nicht im Akkord gepflegt werden.
Wenn das passiert gibt es einen freien Wettbewerb um Pflegekräfte spätestens dann ist das heutigeSystem tot! Nachsehen hat dann, wer kein Geld hat, dem bleibt nur zu hoffen.

Euer
Garcon de Piss

Dienstag, 24. Februar 2015

Kosten in der Pflege.... Pflegeschlüssel Fakt ist...

Es ist eine Frage der Perspektive.


Es ist natürlich keine Frage, dass Pflegekräfte gerne Pflegeschlüssel wie in Skandinavien hätten.
Was aber kostet das?

Gut gehen wir mal davon aus, in Skandinavien hat man 5 Patienten im Schnitt.
Das bedeutet ich brauche für 100 Betten  20 Krankenschwestern oder Pfleger.
Aber, ich brauche sie 365 Tage im Jahr 24/h pro Tag.
Was heisst das im Klartext?

 Ein vereinfachtes Rechenbeispiel:

Ich brauche ca 5 mal so viele Menschen, um alle Stunden abzudecken.
Das wiederum bedeutet, ich brauche für jeden Patienten 1 Pflegekraft in meinem Betrieb.
Gehen wir mal davon aus, dass mich die Pflegekraft rund 30.000 Euro im Jahr kostet.
Das heist bei ihr kommen rund 2100€  Brutto an. (man beachte das Arbeitgeberbrutto nicht das gleiche ist wie Arbeitnehmerbrutto)
Dann kostet mich das im Jahr 100x30.000 Euro sprich ich habe 3 Millionen Euro Lohnkosten.

Wenn man in Deutschland davon ausgeht, dass eine Pflegkraft  10 Patienten betreut, können wir leicht ausrechnen was uns das dann kostet. Nämlich 1,5 Millionen Euro pro 100 Patienten.

Pro Person im Pflegeschlüssel sinkt der Gewinn um 5 x 30.000 Euro im Jahr, also um 150.000 Euro. Oder anders gesagt, jede fehlende Stelle im Schlüssel ist richtig dickes Geld!


Jetzt versuche ich das mal in Relation zu setzen.
Gehen wir mal davon aus, dass ich 2700 Euro im Monat pro Patient erhalte durch Pflegekasse und Eigenanteil (Quelle der Zahl sind verschiedene Statistiken im Internet)

Wenn ich also in einem Pflegeheim mit 100 Bewohnern pro Pflegekraft nur 5 Patienten haben will kostet mich das 3 Millionen Euro bei 3,24 Millionen Einnahmen, wer bezahlt dann Küche Verwaltung usw?
Das ist von 240.000 Euro nicht drin.
Weil alleine 90% meiner Einnahmen durch Lohnkosten aufgefressen werden.
Ich müsste also 1,5 Milionen pro Jahr auf die Pflegekosten aufschlagen.
Das wären dann 4,74 Millionen, die ich bräuchte.

Damit bräuchte ich, um wie bisher zu arbeiten und zu verdienen, 3950 Euro im Schnitt pro Platz.
Also grob 46% mehr.

Das versuchen sie mal jemandem zu verkaufen!

Besonders, wenn der Anteil der Pflegekasse gleich bleibt.

Was nun,...

Die Politik müsste nun erklären, dass die Zuzahlungsbeträge um 1250 Euro steigen müssten.
Aber, und ich denke da liegt der Hase im Pfeffer, kaum jemand kann sich das auf  Dauer leisten, somit würde es früher oder später an die Sozialhilfeträger gehen, diesen Betrag zu stemmen.

Denn alleine für die im Heim untergebrachten (Stand 2011) wäre eine Kostensteigerung um 900.000 Millionen Euro zu erwarten. Von knapp 2 Milliarden Euro auf gute 2,9 Milliarden Euro.

Das ist die Wahrheit, die hinter der Zahlenjonglage steckt.

Pflege frisst in Zukunft Vermögen und Steuern.

"Sie möchten adäquat gepflegt werden? Kein Problem, aber dann werden Sie vermutlich am Ende ihres Lebens pleite sein und ihre Kinder, wenn sie denn welche haben, dürfen auch noch was mit reinbuttern."


Aber das will natürlich keiner artikulieren, denn das kostet die Politik Wählerstimmen!

Wir fahren mit 180 auf die Wand zu und gucken in den Rückspiegel und freuen uns, dass wir so schnell weiterkommen.



Gruß,

Euer

Garcon de Piss








Samstag, 24. Januar 2015

Wehe du hast Rechte

Was einem passieren kann wenn man Rechte einfordert

Wir sind ein Betrieb in der Pflege. Wir kümmern uns um schwerkranke Menschen, die ohne 24h Überwachung keine Möglichkeit zum Weiterleben haben.
Natürlich sind wir uns bewusst, dass diese Menschen immer auf uns angewiesen sind und wir deshalb freundlich und professionell sind. Wir haben ein Pflegeleitbild wie aus dem Buch.
Wir werben mit eine ausgeglichenen Work-Life-Balance um neue Mitarbeiter. Bla bla bla...

Aber jetzt mal im Ernst,

Dieses ganze Papier, auf dem das steht, kann man getrost anzünden. Es ist nicht das Papier wert auf dem es gedruckt wurde. Es ist ganz einfach eine Lüge.
Eine gesellschaftlich akzeptierte Lüge.
Warum ich das sage? Weil es jeder, der es sehen will, auch sehen kann.
Aber man liest ja lieber Pflegeleitbilder und Internetseiten und vertraut MDK Bewertungen,
in denen kaum eine Einrichtung unter der Note Eins abschneidet.
Und wir tun das obwohl jeder weiß, dass wenn doch alle eine Eins haben entweder das Niveau lächerlich ist oder einfach beschissen wurde.
Ähnlich ist es beim Thema "Work Life Balance". Alle Betriebe im Gesundheitswesen sind natürlich stets um das Wohlergehen ihrer Mitarbeiter besorgt. Woher kommen dann aber die ganzen überlasteten und kranken Kollegen? Sind die alle unterdurchnittlich belastbar oder haben die einen Burn Out weil die viele Freizeit sie so überfordert? Wohl kaum.
Wann kommt denn mal die Gewerbeaufsicht und überprüft Verstöße gegen das ArbZG.
Die Antwort lautet: NIE! Warum denn auch? Es beschwert sich ja niemand, denn in der Pflege so heißt es, ist alles anders.
Und über die papiergewordene Selbstbeweihräucherung per Pflegeleitbild will ich gar nicht erst reden, da ich sonst mein Frühstück von der Tastatur kratzen muss.

Zum eigentlichen Thema

Ich habe mir schon länger, besonders bestärkt aber durch die Beiträge im Blog Pflegenot,
überlegt, mir das nicht mehr bieten zu lassen.
Um zu verstehen was hier geboten wird, muss man erst einmal wissen, dass wir in der ausserklinischen Beatmungspflege 12h Dienste haben.
Das ist wichtig um zu verstehen, was es heißt fünf Nachtdienste am Stück zu arbeiten.
Das ist nämlich das Maximum dessen, was der Gesetzgeber zulässt. Aber da in der Pflege ja alles anders ist, ist bei uns noch lange nicht Schluß.
zum Beispiel die 136h in 14 Tagen, wie ich sie grade hinter mir habe.

Eigene Schuld denkt ihr?
Ja sicher, muss ja keiner machen so ne kranke Scheiße. Das ist ja auch nicht gut für die Patienten, wenn da einer hockt, der offensichtlich kein zu Hause mehr hat. Richtig! Das ist für niemanden gut. Aber ich erkläre euch jetzt mal, was passiert wenn ihr tatsächlich aufsteht und sagt: NEIN.
Kurzfassung: Ihr geht kurz drauf zum Arbeitsamt!
Exakt so ist es mir wiederfahren. Die Vorgeschichte zu diesem Finale ist hier zu lesen.
Ich habe alles was dort steht noch mal bei meiner PDL thematisiert und deutlich gemacht, dass ich nicht bereit bin so etwas weiter mit zu tragen.
Ich habe gesagt, dass ich nicht ausschließlich Krankenpfleger sondern vor allem Familienvater bin und Zeit mit meinen Kindern verbringen will.
Dass es Grenzen der Belastbarkeit gibt. Dass das alles auch nicht im Sinne der Patienten ist. 120h am Stück und dann 3 Tage frei, keine Geschichte, die unter exzellente Work-Life-Balance fällt.
Ende vom Lied war ein Dienstplan in dem ich vier freie Tage hatte in 3 Wochen. Nochmal zur Erinnerung: Trotz 12h Schichten!
Untragbar....
Aber es kam noch besser.
Ich wurde zu einem weiteren Dienst verpflichtet und da waren es nur noch 3. Bei der Gelegenheit wurde mir ein Termin für ein Mitarbeitergespräch genannt, an dem ich zu erscheinen habe.
Ein Gespräch mit der Geschäftsführung, also sehr wichtig.
Was dann geschah war wie in einem schlechten Film.
Ein Kollege rief an und sagte er solle bei uns einspringen, einen Tag nach diesem Gespräch.
Dabei war der Dienst gedeckt.
Ich wurde hellhörig.
Er sollte MEINEN Dienst übernehmen!

Dann kam der Tag des Gesprächs.


Wohl eher des Standgerichtes, im Nachhinein betrachtet.
Ich komme zum Termin, man lässt mich, wie es sich für einen niederen Mitarbeiter gehört, eine halbe Stunde warten.
Ich werde ins Büro gebeten, 3 Leute sitzen mir gegenüber. Meine PDL, der Geschäftsführer und eine mit Block und Stift bewaffnete Bürokraft.
Man sagt mir ins Gesicht ICH wäre untragbar für das Unternehmen.
Der Geschäftsführer persönlich meint, ihm würde "meine Art nicht gefallen" und es folgen allerlei belanglose Plattheiten, die offensichtlich nur dazu dienen sollen, mich zu provozieren. Während dessen nutzte ich die Gelegenheit und las die Zettel, die er auf dem Tisch liegen hatte. Kündigungsschreiben in zwei verschiedenen Ausfertigungen mit meinem Namen darauf.
Es folgten weitere Anschuldigungen, die immer noch nicht meine Arbeit betrafen, sondern einfach nur persönlich beleidigend waren.
Dann der Hauptvorwurf: Ich würde durch meine ständigen Forderungen Unruhe in den Betrieb bringen, das wäre nicht hinnehmbar.

Ich blieb ruhig, gezwungen ruhig...

...denn auf dem Tisch lag auch eine fristlose Kündigung mit meinem Namen, die Begründung konnte ich nicht lesen, ahnte aber, dass es wohl was mit der sehr provozierenden Gesprächsführung seitens PDL und Geschäftsführung zu tun haben könnte.
Denn Gründe, die außerhalb meiner unverschämten Forderung nach Einhaltung von Arbeitsverträgen und gesetzlichen Vorschriften lag, kamen bis zuletzt nicht. Dafür aber der schockierende Vorwurf, ich hätte es einmal versäumt meine PDL zu begrüßen.
Ja, dafür kann man auch schon mal jemanden kündigen.
Es war also Fresse halten angezeigt.
Gegen Ende des Gesprächs wollte mir die Geschäftsführung dann noch einen gut gemeinten Rat mit auf den Weg gebe. "Nehmen Sie`s besser sportlich. Ich verfüge dann doch über weitaus mehr Kleingeld für Anwälte als Sie." Ist doch nett oder?
 
Ein paar Einwürfe meinerseits über gestrichene Überstunden und nicht Einhaltung des Arbeitsvertrages bezüglich der maximalen Wochen Arbeitszeit interessieren keinen, Übergabe der Kündigung und Ende der Vorstellung.

Weiter gehts...

An diesem Tag war außerdem noch Teamsitzung. Meine PDL hatte vorsorglich bereits der Teamleitung gesagt, ich wäre wahrscheinlich krank.
Netter Versuch!
Natürlich bin ich hin gegangen und ich werde auch weiterhin zum Dienst gehen.



Ich habe nämlich noch ein Ass im Ärmel. Ich wurde gewarnt, lange bevor das alles passiert ist.
Ich mache das schon viel zu lange mit um zu glauben, es gäbe noch Gute in diesem Spiel.
Da gilt die alte Binse: "Scheiße schwimmt oben!"
Natürlich nicht immer, aber im Schnitt passt es.

An dieser Geschichte seht ihr aber: In unserem Gesundheitssystem geht es um Geld, nicht um Menschen, weder die im Bett noch um die davor!
Es geht um Umsatz, Zahlen und return of investment.
Da hat Pflege keine tragende Rolle.

Die, die das Geld letzten Endes am Bett einspielen, sind die Dummen, zumindest wenn sie nicht gemeinsame Sache machen. Die meisten lassen sich aber durch kleinste Privilegien und Vorteile gegeneinander ausspielen, sie bespitzeln sich teilweise gegenseitig nur um in der Hierarchie ein kleines Stückchen aufzusteigen. Sie lassen sich hetzen und verlieren dabei sich und ihr Umfeld aus dem Blick.

Es bleibt aber zu fragen wie kann so etwas passieren?

Es ist eigentlich ganz einfach. Obwohl in den Arbeitsvertägen geregelt ist, dass maximal 48h in der Woche gearbeitet werden, oder in Ausnahmefällen 60, wenn in der Folgewoche ausgeglichen wird damit nicht mehr als 96h in 2 Wochen möglich sind, obwohl jedem bewusst ist, dass Dienstpläne nie ohne Rücksprache geändert werden können und dass Dienstverpflichtungen nicht ganz einfach sind, machen alle mit. Alle haben ihre Gründe. Bei dem einen ist es Angst um den Arbeitsplatz, andere hoffen dadurch irgendwann in eine Position zu kommen, nicht mehr am Bett stehen zu müssen, wieder anderen reichen schon kleinste Privilegien als Motivation.
Das führt dazu, dass die Pflege völlig entsolidarisiert ist. Wenn es einen erwischt, in diesem Falle mich, dann hält man zwei Sekunden inne, aber dann ist auch gut. Es muss ja weiter gehen.
Ich weiß, dass es wie bei anderen Kollegen irgendwann heißt. "Der war ja doch irgendwie komisch." oder "Der hat alles wohl nicht ernst genug genommen." "Der hätte doch wissen müssen, dass man gegen die da oben keine Chance hat." Solche Dinge halt.
Es wird verdrängt worum es ging. Niemand gesteht sich ein, dass ich nur laut ausprach, was alle hinter vorgehaltener Hand gesagt haben: "Wir sind Pfleger und nicht die Leibeigenen des Betriebs"
Jeder weiß, dass wir zusammen das Boot hätten wenden könnten!
Aber die Pflege ist am Boden, ein handlungsunfähiger Haufen von Menschen der sich aufgegeben hat.

Ja Leute, das ist mein Bild von euch. Es gibt zwar Ausnahmen, die reichen aber offensichtlich nicht für eine substanzielle Veränderung.

Ich für meinen Teil mache da nicht mehr mit.
Ich wehre mich!
Auch alleine!
Denn ich kann mir noch eine Existenz vorstellen, in der ich als Mensch zähle, nicht nur als Pfleger. Ich bin nicht mein Beruf.


Gruß

Euer

Garcon de Piss







Mittwoch, 31. Dezember 2014

Das Maß ist voll...

und zwar sowas von voll, 

dass mir gerade, am letzten Tag des Jahres der Kragen platzt.
Nach einem,  dank überaus harmonischer Gestaltung der Dienstpläne, völlig versauten Dezember (siehe hier) kommt das dicke Ende heute.
Am letzten Tag 2014 wird das Jahr 2015 schon direkt wieder mit Wut eingeläutet, aber der Reihe nach.
Ich schrieb ja bereits darüber, dass Arbeitgeber in der Pflege dazu neigen, Personal als Verbrauchsmaterial zu sehen, was nach Bedarf an und abbestellt werden kann.


Aber dieser Dezember hatte selbst für jemanden der sich seit 1996 in der Pflege verdingt, Sachen bereit, die mich vor Wut zum schäumen bringen.

Wir haben also im November den Weihnachts- und Silvesterplan besprochen.
Daraus wurden während des Dezembers ohne Absprache 7 Änderungen des laufenden Planes.
Ohne, dass sich auch nur ein weiterer Kollege krank gemeldet hätte.
Das führte schon zu lautstarken Auseinandersetzungen mit der Pflegedienstleitung.
Da wir bereits die 3. Änderung in der ersten Dezemberwoche hatten, planten wir eine Dienstbesprechung mit ihrer Anwesenheit.
10 Minuten vor der Sitzung verließ sie dann die heiligen Hallen.
Einige Tage drauf kam es dann wieder zu einer Auseinandersetzung mit der Pflegedienstleitung.
Sie regte sich maßlos darüber auf, dass so wichtige Dinge ohne ihre Anwesenheit besprochen wurden.
Eigentlich machte sie nur die anwesende Protokollführerin rund, für das, was besprochen wurde.
Die Kollegin antwortete darauf nur, sie hätte doch zur Sitzung bleiben können, schließlich wurde ihr ja gesagt, dass es wichtig sei.
Darauf fuhr sie die Kollegin an, niemand könne über IHRE Freizeit bestimmen und wir schon mal gar nicht!
Da ist mir die Hutschnur gerissen.
Ich habe sie gefragt was sie denn meint, was sie tut wenn sie dauernd Dienstpläne umschreibt, Kollegen gegen Absprachen Weihnachten und Silvester einsetzt usw.
Ihr Antwort: Wir wären schließlich FREIWILLIG hier beschäftigt.
Das nagte an mir, ja ich war freiwillig dort.
Dämlich wie ich bin erwartet ich einfach mehr als das übliche: "Ich Chef du nix!"
Gut, dachte ich, lächle und sei froh, den Rest könnt ihr euch denken.

Nächster Akt erste Szene:

Öffnen der Abrechnung am 24. Dez morgens.

Kohle stimmt nicht...
Nur 20 von 46 Überstunden drauf, Bereitschaftsdienste gar nicht.

Anruf bei der PDL:

"Also ich habe beschlossen, dass wir ein Stundenkonto einführen."
"Das kannst du nicht einfach so beschließen"
"Das gibt es überall."
"Ich habe es nicht im Vertrag, Es gibt keine Betriebsvereinbarung und es gilt für uns kein Tarifvertrag."
"Das ist in der Pflege so!"

Ende des Gesprächs

Zweite Szene:

Eine Email:
Du hast leider keine Überstunden, da ich alles mal mit vergangenen Monaten verrechnet habe!

Ähm? Was bitte? Meine Stundennachweise sagen was anderes!

Egal meine nicht!

Okay dachte ich mir, du willst Krieg, den bekommst Du!
Dabei ist mir jetzt auch scheißegal ob ich bis Ende Februar Probezeit habe!
Ich bin Pfleger, kein Sklave!

Nun wer jetzt erwartet es wäre zu Ende, der kennt den klassischen Dreiakter nicht!

Dritter Akt:
Silvester, der Protagonist der Geschichte sitzt Kaffee schlürfend mit der Brut vor dem Fernseher.
BING!

Eine Email.

Oh von der Chefin, bestimmt die üblichen guten Rutsch Floskeln! Gleich mal ansehen.

Da stand dann schwarz auf weiß, ich hätte ja nur 15 Tage Urlaub angegeben und müsste das jetzt mit meinen  Kolleginnen absprechen. In den Ferien sähe es übel aus, da hätten ja jetzt die Mütter alle frei, da könne ich nicht auch noch.

Kaffee weggespuckt....

Als Vater brauche ich keinen Urlaub? Ach ja, sehe meine Familie ja eh nie wirklich, dann fehle ich im Urlaub ja auch nicht! ODER WAS?

Wir haben GEMEINSAM einen Urlaubsplan erstellt, im November. Dort stand es schwarz auf weiß. Urlaubsanträge für Ostern, Sommer und Herbst.
Das stimmt jetzt offensichtlich nicht mehr. Urlaub gemeinsam mit der Familie? Wer braucht denn sowas?

Das war mein Dezember.

Jetzt sitze ich hier mit einer Mordswut im Bauch!
Gleich muss ich mich von meinen Kindern verabschieden, denn ich hab Nachtdienst.
Ich fühle mich leer, verbraucht und verarscht.
Ich will diesen Scheiß nicht mehr. Nicht mehr diesen Job unter diesen Bedingungen.

Ich will wieder ein Mensch sein, ein Vater, jemand der weiß wann und wofür er arbeitet. Jemand der wirklich freie Tage und Urlaub mit seiner Familie hat.

Und jetzt weiß ich auch nicht weiter....

Guten Rutsch

Euer

Garcon de Piss


Freitag, 5. Dezember 2014

„Komm scheiß auf die Kohle Schatz!“ oder „Warum Familie und Pflege nicht zusammen passen.“

Wir sind die typische Pflegefamilie. Krankenschwester und Krankenpfleger. Wir haben uns bei der Arbeit kennengelernt, geheiratet und Kinder bekommen. (In diesem Beruf ist es ja auch kaum möglich jemand außerhalb der Klinik kennenzulernen, das würde nämlich ein Privatleben voraussetzen.)

Nun ist der jüngste Spross gerade 1 Jahr alt geworden, womit sich Vater Staat aus der finanziellen Unterstützung verabschiedet. Soll heißen, Elterngeld ist ausgelaufen. Ich kann ja wieder arbeiten.

Ach ja? Kann ich das? Mit 2 Kleinkindern, in der Pflege?

Nun bin ich ja top qualifiziert. Mein Examen erlaubt mir die unterschiedlichsten Tätigkeitsbereiche. Von Intensiv- bis Palliativpflege, von Krankenhaus, Seniorenheim über ambulanten Pflegedienst, Dialysepraxis bis hin zu Psychiatrie und Gynäkologie. Kein Bereich, auf den ich während meiner Ausbildung nicht vorbereitet worden wäre.

Das kann doch nicht so schwer sein, was passendes zu finde, oder? Sagt zumindest meine Schwiegermutter: „Also ich war nach der Geburt deines Mannes sofort wieder arbeiten. Dann nur noch halbtags, aber das war kein Problem. Kannst doch auch `ne kleine Stelle machen.“

Eine kleine Stelle, so so. Liebste Schwiegermama, Teilzeit ist nicht gleich Teilzeit. Denn während du regelmäßig Montag bis Freitag von 08 bis 12:00 Uhr arbeiten gegangen bist und anschließend deinen Sohn zunächst von seiner Oma und später aus dem Kindergarten abgeholt hast, bedeutet Teilzeit für eine Krankenschwester im Klinikalltag Verfügbarkeit an 365 Tagen im Jahr 24 Std.

Ja, die monatliche Stundenzahl ist begrenzt, ähm sollte eigentlich begrenzt sein. Aber wann ich diese abzuleisten habe entscheidet sich jeden Monat neu. Ich habe vielleicht die Wahl ob in 8 oder 12 Std Schichten. Aber ganz sicher nicht nur an Wochentagen zu je 4 Stunden. Und da der werte Gatte nach eben demselben völlig willkürlichem Prinzip seine Dienste zugeteilt bekommt, hieße das Monat für Monat spontan Kinderbetreuung zu organisieren. Mal für Montag Nachmittag, mal für 3 Tage am Stück nachts, mal für Ostern und mal für Silvester. Und jetzt kommst Du ins Spiel, Schwiegermama. Möchtest Du das? Dein Rentenzeit nach unseren Dienstplänen ausrichten? Nur noch in den Urlaub fahren können, wenn wir Urlaub haben? Termine mit Freunden absagen, weil einer von uns einspringen soll und der andere ohnehin Dienst hat? Denn den Löwenanteil der Kinderbetreuung wird keine Kita abdecken. Nicht nachts, nicht im Spätdienst, nicht an Feiertagen und nicht an den Wochenenden.

Komisch, auf einmal war meine Schwiegermutter gar nicht mehr so begeistert von ihrer Idee.

„Aber Moment, es gibt doch noch verschiedene Praxen. Die stellen doch auch oft Krankenschwestern ein. Und da muss man doch nur zu den Öffnungszeiten da sein. Also regelmäßig und nicht an Feiertagen und Wochenenden.“

Richtig, ich habe mich auch dort erkundigt. Und es ist überhaupt kein Problem für mich als Schwester mit Erfahrung in der Ambulanz zum Beispiel in einer der chirurgischen Praxen hier in der Nähe eingestellt zu werden. Allerdings zum Tarif einer Arzthelferin. Das hieße dann, dass ich mit einer halben Stelle Lohnsteuerklasse 5 exakt die Kosten für die beiden U3 Kitaplätze und die Ganztagsbetreuung des Großen plus ca 100Euro erwirtschaften würde. Na wenn das mal nix ist! Das könnte ja sogar für`s monatliche Spritgeld reichen um zur Arbeit zu kommen. Wahnsinn!

Nun kommt der Mann mit zur Unterhaltung. “Ach komm scheiß auf die Kohle, Schatz. Bleib noch ein Jahr zu Hause, dann sehen wir weiter. Wir beantragen diese Herdprämie dann ist wenigstens einer von uns immer für die Kinder da. Und wenn`s ganz eng werden sollte, mache ich eben noch 450€ oben drauf.“

Genau, eine tolle Lösung! Ich möchte doch eigentlich wieder arbeiten. Und den Mann kotzt es jetzt schon an, die Kinder teilweise tagelang nicht zu Gesicht zu bekomme. Wir sind aber auch nicht bereit, dass sich das Leben unsere Kinder und wegen der Betreuung sogar das unserer Eltern diesem bescheuerten System unterordnen muss. Also machen der Mann und ich exakt das Gegenteil von dem, was wir uns eigentlich gewünscht hätten. Also das nächste Jahr und dann mal schauen.

Weil Pflege und Familie einfach nicht zusammen passen.

Und jetzt frage ich mich:

Wo ist das Problem in Krankenhäusern arbeitnehmer- und familienfreundliche Rahmenbedingungen zu schaffen?

Wo ist das Problem Schichten für Teilzeitkräfte einzuführen, die beispielsweise von 8:00 bis 12:00 Uhr gehen? (Es ist genug zu tun in dieser Zeit!)

Wo ist das Problem verlässliche Rollendienstpläne zu erstellen?

Wo ist das Problem wenigstens den Versuch zu starten auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter einzugehen?

Es herrscht Pflegenotstand. Offene Stellen können monatelang nicht besetzt werden. Und immer noch sind Betriebe, die den pflegenden Mitarbeitern gegenüber so etwas wie Wertschätzung entgegenbringen und das Thema „Work-Live Balance“ nicht nur irgendwo auf ein Blatt Papier gemalt haben, sondern in die Tat umsetzen, die große Ausnahmen. WARUM?

Wenn man nur diejenigen zurück in den Beruf bekäme, die der Pflege genau deshalb den Rücken gekehrt haben, wäre schon so vielen geholfen. Alle Reden immer von Geld. Klar, in Sachen Gehalt ist natürlich noch eine ganze Menge Luft nach oben. Aber was bitte kostet denn eine vernünftiger und verlässlicher Dienstplan?

Eure

@emergencymum

Donnerstag, 4. Dezember 2014

Pfleger und Schwestern sind KEIN Verbrauchsmaterial! Oder es weihnachtet sehr in der Pflege.....

Es ist wieder so weit.....

die besinnlichen Feiertage stehen an, alle bereiten sich auf einen Jahresausklang vor.

Alle?

Nein, in der Pflege geht es jetzt wieder hoch her. Nachdem im November alle Planungen bezüglich Weihnachten und Silvester gelaufen sind kommt nun am 4.12. der DRITTE Dienstplan für Dezember raus.

Mir reicht es! Anmerkungen bezüglich des Direktionsrechts des Arbeitgebers werden mit einem
"in der Pflege ist das halt anders" beantwortet.

Was ist in der Pflege anders? Haben wir kein Recht auf eine Freizeitgestaltung? Zur Erklärung:
Ausgangsfrage war wie immer: "Wer macht Weihnachten, wer Silvester?" Denn Urlaub bekommt eh niemand und irgendwie soll ja alles fair ablaufen. Ich habe 3 Kinder, entscheide mich also für Silvester. Nachtdienst, versteht sich. Chefin möchte aber auch noch das folgende Wochenende. Gut, dann eben 5 Nächte zu je 12 Std. Hauptsache Weihnachten zu Hause bei der Familie. Dann versuchen wir eben sämtlichen familiären und sozialen Kontakte in den 5 freien Tage über Weihnachten gerecht zu werden. Diese Vereinbarung hat auch gehalten. Und zwar exakt 2 Dienstpläne (wir sprechen hier immernoch über den Monat Dezember) lang.

Warum bitte soll ich es jetzt hinnehmen, dass in der 3. Version aus einem "nur" Silvesterdienstblock, 4 Tage Nachtdienst bis einschließlich 24. wird und dann nochmal sportliche 60h am Stück bis zum Jahresende?
Mit der Begründung es wäre quasi ein Notfall?
Ich erkenne den Notfall nicht.

Der Notfall ist: Der PDL ist plötzlich aufgefallen, dass da ja Mitarbeiter zusammenarbeiten, die ihrer Meinung nach nicht zusammen arbeiten sollten.

"Es müssen ja gerade über die Feiertage Leute da sein, die wissen was sie tun!"

Bitte was?
Die Leitung geht davon aus, dass Leute hier im Dienst sind, die nicht wissen was sie tun?
Noch ein größeres Armutszeugnis kann man sich als Leitung nicht ausstellen.
Sollte dem so sein, dann habe ich als Leitung doch dafür zu sorgen, dass meine Mitarbeiter qualifiziert werden, oder? Und wenn es Geld kostet dann ist das eben so!
Mal abgesehen davon, einer examinierten Pflegekraft so etwas vorzuwerfen... Sie wüsste nicht was sie tut. Hallo?

Ich habe die Schnauze voll!
Ehrlich, ich bin nicht mehr bereit mein Leben aufzugeben für meinen Arbeitgeber.

Aber genug Wut jetzt!

Versuchen wir das ganze sachlich zu betrachten, außerhalb von Vorschriften.

Pflegekräfte sollen wertschätzend mit ihren Patienten umgehen, weil es ein Kern unseres Berufes ist.
Wir tun das auch, abseits aller unrühmlicher Ausnahmen.
Unser Vorgesetzten verlangen das auch zu Recht von uns.
Aber wo bleiben wir in der Geschichte?
Wertschätzung gegenüber uns bleibt völlig auf der Strecke, Dienstpläne sind offensichtlich nicht mehr bindend für Arbeitgeber. Arbeitzeitgesetze werden als gut gemeinter Rat gesehen.
Über Personal verfügt man. Da wir ohnehin 24*7 da sein müssen dann eben auch genau so.
Es ist egal. Egal wieviele Dienste wir bereits haben, egal was besprochen war. Unsere Freizeit ist betriebswirtschaftliche Verfügungsmasse, natürlich nur zum Wohle des Patienten.
Aber ist das so? Dient es dem Wohl des Patienten wenn ich 60h in der Woche arbeite?
Dient es dem Wohl des Patienten wenn ich mal wieder alle Festlichkeiten zu Weihnachten und Silvester sausen lassen muss, weil mein Arbeitgeber sich einen neuen Dienstplan ausgedacht hat?
Ich denke nicht!
Das Gegenteil ist der Fall. Das Pflegepersonal ist das Feigenblatt eines Systems indem es nur um die Wirtschaftlichkeit geht.
Von uns wird erwartet, das freundliche, fürsorgliche Gesicht eines durch und durch gewinnstrebenden Systems zu sein.
Der Patient ist Fallpauschale und unsere Arbeitskraft trägt leider am wenigsten zur Refinanzierung bei.
Wir werden zerrissen zwischen Wirklichkeit und Anspruch.
Familienleben, Freunde, soziale Kontakte, alles muss hinter dem heiligen Dienstplan zurückstehen.
Wie wertschätzend kann, so frage ich mich, jemand gegenüber seinen Patienten sein, der keinen geregelten Ausgleich von der Arbeit mehr findet? Geregelt heißt in diesem Falle, verlässlich, planbar und ausreichend.

Gute Pflege kann nur von Menschen geleistet werden, die fest in ihrem Leben stehen und Rückhalt durch Freunde, Familie usw für ihren teilweise extrem psychisch belastenden Beruf haben.

Ich denke, ich habe Pflege durchgespielt, der Endgegner ist erreicht.
Ich will gesund bleiben und denke ich muss deshalb von den Kranken Abstand nehmen.
Und mit krank meine ich nicht primär die Patienten. 


Euer

Garcon de Piss





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