Donnerstag, 18. Juni 2015

Der Fisch stinkt immer vom Kopf

Hallo Ihr Lieben,


nun ist es soweit. Drei Akte eines Dramas waren versprochen, hier folgt nun Teil 3. Viele, ganz, ganz viele sicherlich auch lesenswerte und teilweise schockierende Anekdoten aus der Zeit meiner Ausbildung musste ich weglassen, um mich mit dem folgendem Text dem Ende widmen zu können. Aber ich wollte ja auch kein Buch schreiben. Und das wäre es sicher geworden. Außerdem denke ich, dass meine Botschaft eigentlich schon nach dem 1. Akt ersichtlich war. Nämlich: So kann es ganz sicher nicht weiter gehen! Nicht in der Krankenpflegeausbildung, nicht in der professionellen Pflege selbst, in keinem Krankenhaus, keinem Seniorenheim, keinem ambulanten Pflegedienst oder wo auch immer, sollten jemals solche Zustände herrschen. Nicht für Schülerinnen und Schüler, nicht für examiniertes Pflegepersonal, Pflegehilfskräfte, Praktikanten und ganz sicher nicht für das am häufigsten schwächste Glied der Kette, den Patienten.
Vergessen wir also die 152 Überstunden, die ich während meiner Ausbildung gemacht habe, die kurz vorm Examen im System einfach gelöscht wurden. Ignorieren wir den April indem ich 28 von 30 Tagen arbeiten musste inklusive Ostern, weshalb ich hinterher an meiner eigenen Toilettentür angeklopft habe, weil ich nicht mehr wusste wo oben und unten ist. Sehen wir drüber hinweg, dass ich absichtlich vor meinem praktischen Examen zum ersten Mal in 3 Jahren 6 Tage am Stück frei bekommen habe, damit ich auch ja keine Chance habe, einen meiner Prüfungspatienten vorher kennenzulernen. (Ihr merkt, ich könnte stundenlang so weiter machen.)
Nein, Schluss jetzt. Kommen wir nun direkt zum krönenden Abschluss eines 3 jährigen Spießrutenlaufs.


Der Fisch stinkt immer vom Kopf



Nachdem die letzten zwei Teilen beide von meinem ersten praktischen Einsatz handelten, nun ein ganz weiter Sprung auf dem Zeitstrahl. Knapp 3 Jahre später. Ich habe meine drei schriftlichen sowie meine praktische Prüfung (Trotz massiven Bemühungen der Examensstation, das zu verhindern. Allein dazu könnte ich seitenweise schreiben.) bereits bestanden.
Zeit für Bewerbungen also. Denn nun folgen ja „nur noch“ 3 mündliche Prüfungen und sollten die ebenfalls von Erfolg gekrönt sein, möchte man ja auch kurz um richtiges Geld verdienen.

Haha, der war gut! Richtiges Geld. Also ich meine damit mehr Geld als in der Ausbildung.

Egal, ich habe also angefangen Bewerbungen zu schreiben und, werdet es kaum glauben, aber unter anderem sogar in dem Haus, in dem ich gelernt hatte. Das allerdings hatte seine Gründe. Es gab dort, wie soll es umschreiben, zwei „Außenbezirke“. Und zwar die Psychiatrie und die Notaufnahmen. Diese funktionierten völlig entkoppelt von dem sonst nahezu immer gleichen Stationsbetrieb. Meinen Pflichteinsatz in der Psychiatrie empfinde ich auch heute noch als Atempause. Die Patienten hatten ganz anderen Pflegebedarf als Unterstützung bei der Körperpflege, Hilfe beim Toilettengang oder zur Mobilisation. Sie benötigten Gespräche, dass jemand da ist, dass jemand ihnen hilft ihren Alltag zu organisieren, so etwas eben. Und am meisten „entspannt“ haben mich die Kollegen. Dort gab es kein Kompetenzgerangel, kein „Ich Examiniert, Du Dreck“ Gehabe, kein Mobbing untereinander, nichts dergleichen. Klar hatte auch dort nicht jeder jeden lieb. Aber die Pflegekräfte hatten gelernt professionell damit umzugehen. Wer mit akuten Borderlinern arbeitet, kann offensichtlich auch dem Kollegen sagen, dass er seine Kaffeetasse doch bitte in die Spülmaschine räumen soll, ohne sich vorher mit 14 anderen verbünden zu müssen, um deswegen einen Krieg anzufangen. Faszinierend oder? Fazit Psychiatrie war cool. Eine Zeit lang hätte ich gern dort gearbeitet. Sicher nicht ewig aber um „runter zu kommen“ nach der Ausbildung schon ok. Und nun der 2. Außenbezirk. Die Notaufnahme. Der Einsatz dort war alles andere als entspannend und die Kollegen im Schnitt auch eher so...Geht so. Paar gute eben, paar Zicken, paar unauffällige. Dort war es eben die Arbeit, die mich lockte. In der Notaufnahme gibt es nichts schön zu reden. Dort wird gehandelt und zwar hoffentlich richtig. Da kann niemand im Nachhinein die Verantwortung abschieben mit „Das hat bestimmt der Spätdienst vergessen.“ oder „Das hat der Patient wohl falsch verstanden.“ Dort benötigt man Fachwissen und Erfahrung. Je mehr desto besser. Und je schneller Du bist desto besser. Außerdem beschwert sich auch kein Patient, der einen Herzinfarkt hatte darüber, dass er das Gefühl hatte abgefertigt zu werden, wenn ihm durch schnelles Handeln das Leben gerettet wurde. Während genau dieses „Abfertigen“ auf allen anderen Stationen eines der größten Probleme darstellt. Und irgendwie war der Wunsch, in einer Notaufnahme zu arbeiten, wohl auch die ersten Anzeichen der Flucht aus der Pflege. Denn was auch immer dort behandelt wird, mit Pflege hat das alles wenig zu tun.

Lange Rede kurzer Sinn. Ich kam nicht umher meine Bewerbungsunterlagen an Mr Wichtig Himself also den Pflegedirektor abzuschicken, weshalb ich mir ohnehin keine Hoffnungen machte, dass diese jemals in der Psychiatrie oder Notaufnahme ankommen werden. Denn selbst, wenn er vergessen haben sollte, wer ich war, hatte ich die Unverschämtheit besessen bereits in den Unterlagen klar zu formulieren, dass ich mich exakt für die beiden Stationen bewerbe. Solch Aufmüpfigkeit wird in einem Haus voller willenloser Untertanen überhaupt nicht gern gesehen. Um so überraschter war ich, als ich von der Schule über meinen Termin zu Vorstellungsgespräch informiert wurde. Zwei Tage vor der ersten mündlichen Prüfung. Na sowas, jetzt hatte ich bereits meinen Spind geräumt, die Klamotten zurückgeben, Namensschild und Mitarbeiterausweis an meinem letzten Arbeitstag an der Information zurückgelassen und den riesengroßen, fiesen Klotz mit einem gedanklichem 
Fickt Euch alle!
verabschiedet, als ich zum vermeintlich letzten Mal durch die Drehtür marschierte und dann das. Vorstellungsgespräch? Ernsthaft? Dann bekam ich mit, dass alle aus unserem Kurs, die sich dort beworben hatten, in diesen Tagen zum Gespräch eingeladen wurden. Ach so, ist also so ein „Wir tun mal so, als gäben wir hier jedem die gleiche Chance Ding.“ Könnte wohl schlechte Presse geben, wenn die eigenen „top-ausgebildeten“ Azubis, wenn sie denn bestanden haben, nicht auch in den heiligen Hallen empfangen werden. Das dachte ich zumindest. Aber ersten kommt es anders und zweitens....


Vorstellungsgespräch:

PD: „Guten Tag Frau *blättert in seinen Unterlagen* Schulze. Setzen Sie sich! Also Ihre Noten bislang... Zwischenzeugnis gut. (Das war nicht gut sondern hervorragend.) Die Ergebnisse der schriftlichen Prüfungen sind zufriedenstellend. (Die waren gut.) Aber im praktischen, ja, da ist ja wohl das Problem.

(Das „Problem“ heißt „befriedigend“ und liegt daran, dass das die einzige Prüfung war, auf die Ihr beschissen intrigantes Personal einen Einfluss hatte. Ich hatte keine Vorbereitung, kannte am Tag der Prüfung die Patienten nicht und dann wurden plötzlich alle Untersuchungen nochmal spontan umgeplant, damit ich auch ja noch Zeitdruck bekomme. Außerdem wurde einem Patienten ein falsches Medikament auf den Tisch gestellt, welches er natürlich auch noch sofort zu sich nahm, was für noch mehr Aufregung sorgte. Danke dafür! Und dennoch habe ich diese Prüfung mit „befriedigend“ bestanden. Das ist mehr wert als jede glatte 1 mit Vorlauf und ohne Spielchen. So!)

PD: „Sie wollen in der Psychiatrie arbeiten. Also da habe ich mit Herrn Schelzing drüber gesprochen, der kann sich das überhaupt nicht vorstellen. Offensichtlich haben sie bei ihm keinen so guten Eindruck hinterlassen.“


Wer ist Herr Schelzing?“

PD: „Die Stationsleitung der geschlossenen Psychiatrie. Sie haben doch dort gearbeitet oder nicht?“

Ja, 5 Nächte. Den Rest meines Einsatzes in der Psychiatrie arbeitete ich jedoch auf der Station...

PD: „Sehen Sie, dann kennen sie Herrn Schelzing ja.

Nein, denn Stationsleitungen arbeiten ja nicht nachts.“

PD: „Um es kurz zu machen, ich habe mit allen Mitarbeitern gesprochen und niemand hier im Haus möchte mit Ihnen zusammen arbeiten!

(Aha, über 3000 Angestellte, davon ca. 900 in der Pflege. Und er hat mit allen gesprochen, und leider fanden mich alle doof. Und weil er sich schon so eine Mühe gemacht hat, nur wegen meiner Bewerbung und so, musste er mir das Ergebnis jetzt natürlich auch persönlich mitteilen. Logisch oder?)

Ähm und Sie laden mich zu diesem Vorstellungsgespräch ein, nur um mir das mitzuteilen?

PD: „Ja!

Dann hoffe ich für Sie, dass es Ihnen jetzt besser geht, womit das Gespräch für mich dann aber auch beendet wäre.

PD: „Wann hier welches Gespräch zu Ende ist, entscheide immer noch ich!

Sie können ihr Gespräch gern allein fortsetzen, ich gehe jetzt! Auf wiedersehen!


Wie sich im Nachhinein herausstellte, war ich nicht einmal die einzige. Der (Achtung!) Kursbeste durfte sich ähnliche Unverschämtheiten anhören. Auch er ein Verfechter der Theorie „Ich bin hier um eine AusBILDUNG zu machen keine AusBEUTUNG.“ Böser Fehler offensichtlich.
Gut, die Nörgelei an den Noten funktionierte bei Ihm noch weniger als bei mir aber dann halt in dem Stil „Sie wirken immer so unmotiviert.“ Soziale Inkompetenz, keiner mag sie und solch harte Fakten eben.


Ok, diesmal ging es hier nicht um schockierende Berichte aus dem Krankenhausalltag. Nicht um gefährliche Pflege, Hygienefehler oder vernachlässigte Patienten. Und vielleicht wird dieser letzter Akt somit von einigen als eher unspektakulär empfunden. Nun muss man sich allerdings den Vorgang mal genauer betrachten. Da sitzt jemand, den ich bis dato genau 2 Mal gesehen hab, nämlich bei der Begrüßungsveranstaltung zu Beginn meiner Ausbildung und als er wutentbrannt über den Krankenhausflur der Onkologie an mir vorbei stapfte. Jemand, der verantwortlich zeichnet für über 900 Mitarbeiter. Das bitte nochmal auf der Zunge zergehen lassen: Über 900 Mitarbeiter! Und dieser Herr macht sich Mühe, einen Termin mit einer Schülerin zu vereinbaren, um sie

a) dreist zu belügen und
b) ihr 2 Tage vor den letzten Prüfungen zu sagen, wie scheiße sie doch ist.

Er will mich dort nicht haben. Bitteschön, das ist sein gutes Recht. Aber was sollte diese Show? Meine Chefin in der Psychiatrie hatte explizit darum gebeten, dass ich mich doch bewerben möge. Psychiatrie sei nicht wirklich beliebt bei den Anfängern, ihr fehle ständig vor allem junges Personal und ich würde sicher wunderbar ins Team passen. Mit dem Chef der Notaufnahme war ich per Du. Auch er hatte mir gute Chancen in Aussicht gestellt, sobald er meine Bewerbungsunterlagen auf dem Tisch liegen hat. Offensichtlich sind diese dort (wie ja bereits befürchtet) nie angekommen. Auch das wäre alles kein Problem gewesen. Wenn Mr Wichtig Himself den Störfaktor „Julia“ nicht haben will, dann muss er eben nicht. Dieser Auftritt allerdings machte mir einiges klar. Nein, ich hatte keinen Verfolgungswahn, wenn ich der Meinung war, dass es nahezu auf jeder Station Vorbehalte gegen mich gab. Nein, ich habe mir den Boykott meiner praktischen Prüfung nicht eingeredet. Das waren keine dummen Zufälle. Und nein, nicht ich bin die „Komische“, die offensichtlich überall aneckt, sondern die andere Seite ist krank. Sehr krank! Ich hatte meine Verleumdung nicht schweigend hingenommen (der Schule gegenüber zumindest nicht) und damit hatte ich mich gegen ein System aufgelehnt, das keinen Widerspruch duldet. Erst recht nicht von ganz, ganz, ganz unten in der Hierarchiekette. Eine Anfangsschülerin, die sich wehrt? Und die auch noch bleibt um ihr Examen zu machen? Das konnte man unmöglich „straffrei“ durchgehen lassen, hinterher könnte ein Stefan zum Beispiel auch noch auf die Idee kommen, seinen unbefristeten Vertrag dazu zu missbrauchen, um am System zu rütteln. Gott bewahre!
Dummerweise hatte dieses Gespräch das Gegenteil dessen bewirkt wozu es gedacht war, nämlich mich zu verunsichern. Vielleicht verreißt es die Julia ja doch noch in einer der letzten Prüfungen, wenn wir sie vorher nochmal so richtig fertig machen. Und in der Tat hätte ich dann ein Problem gehabt. Dieses Haus nochmal betreten? Ganz sicher nicht! Meine Unsicherheit aber war wie weggeblasen. Alles war plötzlich sehr eindeutig. Und ich sehr stolz auf mich, dass ich mich bis zuletzt dagegen gewehrt habe. Ich mag mein Rückgrat eben und möchte es gern behalten. Ich werde die letzten Prüfungen bestehen, weil ich gut bin. Nicht beliebt sondern fachlich gut. Die beliebten können Waschlappen falten und Bettdecken gerade ziehen, ich kann pflegen. Und so kam es dann auch. Meine mündlichen Prüfungen verliefen problemlos und keine Woche nach dem mir der Pflegedirektor klar machen wollte, dass ich ohnehin zu nichts tauge, unterschrieb ich bereits meinen Arbeitsvertrag in einer anderen Notaufnahme.

Für den größten Lacher kurz vor der Examensparty sorgte dann noch folgende Entscheidung unseres offensichtlich maßlos kompetenten obersten Oberchefs. Obwohl er zu Beginn der Ausbildung lauthals verkündet hatte, den besten dreien des Kurses in jedem Fall einen Arbeitsvertrag anzubieten, entschloss er sich kurzerhand dann doch für ein anderes Trio. Nämlich für 2 stille Damen aus dem leistungsmäßigen Mittelfeld und, jetzt bitte nicht lachen, die schlechteste. Zum Dank für diesen Vertrauensbonus namens Arbeitsvertrag, versemmelte diese dann auch (wie erwartet) ihre Prüfungen und der geschätzte Pflegedirektor stand mit einer Stelle zu wenig da.
Tja, dumm gelaufen.


Mein Fazit nun und das richtet sich an alle: Von Schülern und examinierten Kollegen über Führungskräfte und Praktikanten bis hin zu Patienten und Angehörigen: Lasst Euch das nicht bieten! Wenn ihr Missstände beobachtet, sprecht sie an! Macht es anders! Lasst Euch nicht unter kriegen, weil vermeidlich „alle“ gegen Euch sind. Nur weil viele in eine Richtung rennen heißt das noch lange nicht, dass es der richtige Weg ist. Wenn wir nicht endlich anfangen uns aufzulehnen gegen solche Systeme, wer dann?


So, die @emergencymum hat fertig.


Vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit! :)

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Schöner Beitrag! :) - Und willkommen im Klub! Größtes Mitgefühl: Ein "Befriedigend" habe ich auch nur in der Praxis. Ich glaube bei mir lag es daran, dass ich keine großen Brüste habe und männlich bin. - Der Prüfer war es nämlich auch und meine Prüferin eine Dame mit der ich einfach nicht harmonierte. Den Patienten habe ich aber perfekt gepflegt, es lief alles glatt, keine Kritik, "machen Sie sich einen schönen Tag!" und Wochen später dann die Note und auf Anfrage "wieso?!" habe ich bis heute keine Antwort. - Ist ja auch schwer, wenn man Aufzeichnungen suchen muss und Schichtdienst hat. Einfach eine riesen Frechheit und echt unfair, wenn man über drei Jahre nur 1er und 2er Praxisbeurteilungen gesammelt und mit der Klassenlehrerin zusammen gearbeitet hat und alles gut lief... Das System der Ausbildung ist einfach "suboptimal". Leider.