Freitag, 12. Juni 2015

Wenn Ahnungslosikeit auf Ignoranz trifft, System Krankenpflegeausbildung..

Hallo Ihr Lieben,

jetzt habe ich des öfteren ja nun schon auf Twitter über meine Ausbildung geschimpft. Nach einigen Überlegungen, habe ich nun doch den Schluss gefasst, mal ausführlich zu berichten. 3 Jahre lang Scheiße am laufenden Band möchte ich Euch aber nun auch nicht antun, weshalb ich mich für ein Drama in 3 Akten entschieden haben. Hier folgt nun gleich der 1. Akt. 1. Station, 1. Einsatz im Krankenhaus. Ich hoffe, ich kann annähernd rüber bringen, wie ich mich damals gefühlt habe und warum. Ich weiß es nämlich heute noch genau. Wie so ein Albtraum, den man nie wieder vergisst. Eigentlich ganz weit weg, aber denkst Du drüber nach, geht der ganze Körper auf Alarmstufe. Naja, genug der Einleitung. Lest selbst!


Wenn Ahnungslosigkeit auf Ignoranz trifft


4 Wochen Schule sind rum. Ich weiß wie ich einen Waschlappen halten muss, kenne die nötigsten Hygienevorschriften, habe einen Spind und passende Schülerklamotten und weiß was ich zu lassen habe. Nämlich alles wovon ich keine Ahnung habe. Bloß keine Patienten kaputt machen. Am besten überhaupt nichts kaputt machen. Los geht`s in den ersten Praxisblock im Krankenhaus. „Hallo, ich bin Julia, ich bin hier für 3 Monate die Schülerin.“ (Nein, ich heiße nicht wirklich Julia. Aber das ist auch völlig egal. Meinen Namen werde ich ohnehin die nächsten 3 Jahre im beruflichen Alltag nur noch äußerst selten hören.)
„Ja Moment, ich hole Stefan. Ich glaube der soll den Bezugspfleger für Dich machen. Du bist die erste vom Unterkurs oder?“
Dass das eins der größten Probleme für mich werden sollten, war mir zu dem Zeitpunkt noch nicht bewusst.

Unterkurs = kann nix = was sollen die eigentlich hier auf der Station?

Stefan stellt sich vor. Stefan ist nett. Wirklich nett. Stefan ist froh, dass ich die 20 bereits überschritten habe und sogar schon Mama bin. Das ist eben die Onkologie. Und viele junge Mädchen kommen damit nicht so richtig klar. Sterbende. Menschen, die es wahrscheinlich nicht schaffen werden. Das ist oft zu viel „für die ganz jungen Dinger“. Ich erkläre Stefan, dass meine sterbende Oma der Auslöser dafür war, diese Ausbildung anzufangen und meine kaufmännische „Karriere“ nicht weiter zu verfolgen. Ich komm schon klar. Hauptsache mir wird alles erklärt. Ich möchte um Gottes Willen nichts falsch machen. Stefan legt los. Wir müssen jetzt los. Station zeigen läuft „im laufenden Betrieb“. Die Patienten müssen gewaschen, gemessen, mit Medikamenten versorgt werden usw. Ich folge. Stefan erklärt mir, was er tut. Direkt mal einen Katheter neu legen. Stefan erklärt wie es geht, zeigt mir die Kurven, die Diagnosen, die Medikamente, was wichtig ist zu beachten. Wir gehen von Patient zu Patient. Ich helfe wo ich kann. (was natürlich jetzt nicht so besonders viel ist) Der Tag geht rum wie nichts. Ich habe 1000 Informationen im Kopf aber das war toll! Ich werde jetzt echt Krankenschwester. Meine Güte, was muss ich noch alles lernen aber am Ende bin ich tatsächlich Krankenschwester. Stimmt ja gar nicht, was die von den Kursen über uns erzählt haben. Von wegen musst Dir alles allein beibringen. Keiner erklärt Dir was. Waschen, waschen, waschen sonst nichts. Ich hab Stefan, alles wird gut.
Dieser Enthusiasmus hielt genau 2 Frühdienste an.
Am 3. Tag musste ich nämlich zur Stationsleitung. Die war völlig außer sich. Was mir einfallen würde, meine Arbeit nicht zu machen. Schlimm genug, dass die Schule jetzt auf die völlig bekloppte Idee käme, Unterkursschüler auf die Onkologie zu schicken. Die hätten da eh nichts zu suchen. Aber ich wäre auch noch faul und würde nicht mal meine Arbeit machen. Das müsste dann alles die arme Jahrespraktikantin allein erledigen. Und was ich mir überhaupt dabei denken würde wie Krankenhaus so läuft.

Ja, um es wie auf Twitter zu formulieren: So habe ich auch geguckt.

Was habe ich falsch gemacht? Was sind denn „meine Aufgaben“? Und überhaupt. Wie läuft denn so ein Krankenhaus? Woher sollte ich es wissen? Ich habe kein Praktikum im Krankenhaus gemacht. Keine Mutter, die schon seit Jahren im Haus arbeitet. Keine Erfahrungen. Null! Ich habe nicht mal als Patientin jemals im Krankenhaus gelegen. (unser Sohn wurde, wie alle unsere Kinder, in einer Geburtsklinik geboren) Ich habe nur ein paar Tage meine Oma zu Hause „gepflegt“ und anschließend im Hospiz ihr Sterben begleitet. Dankbar, dass professionelles Pflegepersonal dort war, die meiner Oma und auch uns Angehörigen ganz toll zur Seite gestanden haben, weshalb ich auch Krankenschwester werden wollte.

Was will diese Frau von mir? Die Antwort ist ganz einfach. Zumindest, wenn man es mir vorher gesagt hätte.

  1. Zusammen mit der Jahrespraktikantin alle „einfachen“ Patienten waschen
  2. Wäschewagen auffüllen
  3. Müll und Schmutzwäsche wegbringen
  4. Zu allen Klingeln gehen, Hilfe holen, wenn nötig, sonst selbst abarbeiten
  5. 1 Seite Frühstück verteilen (andere macht die Jahrespraktikantin)
  6. Frühstück wieder einsammeln
  7. Zuckerrunde (meine Kollegen werden wissen, was das sein soll)
  8. Im Früh- wie im Spätdienst 15 Minuten eher kommen und Kaffee für die Übergabe kochen
  9. In der Pause der Examinierten die Patienten ruhig stellen
  10. rennen, rennen, rennen (sonst sieht das so faul aus und gibt ne schlechte Benotung)

Natürlich habe ich, nachdem ich mitbekommen habe, was so von mir erwartet wird, all diese Aufgaben auch erledigt. Jeden Tag. Manchmal auch 14 Tage am Stück. 3 Jahre lang. Aber es war zu spät. Rückblickend muss ich leider sagen, dass ab diesem Tag offensichtlich im ganzen Haus das Gerücht „Die hat es nicht nötig Schüleraufgaben zu machen. Die hält sich wohl für was besseres:“ bereits vor mir da war.
Aber das war natürlich nicht alles. Da war ja noch der Stefan. Mein Bezugspfleger. Also irgendwie auch Schuld an der Misere, dass die olle Schülerin nicht rund läuft. Offensichtlich haben „die“ das dem Stefan dann auch gesagt. Denn ab diesem, meinem 3. praktischen Ausbildungstag, war der Stefan auch nicht mehr so der Alte. Anweisungen, was ich gefälligst zu erledigen habe, das ging noch. Sonst nichts mehr. Für Erklärungen leider keine Zeit. Mit mir zusammen arbeiten? Leider keine Zeit. Die Wäschewagen müssen noch und so.
Selbst darauf hätte ich mich einstellen können. Stefan war anzumerken, dass er unter Druck gesetzt wurde. Und auch wenn nicht mehr viel an sinnvollen Informationen, meine Ausbildung betreffend, von ihm bei mir ankamen, so hat er dennoch versucht, mir immerhin zu zeigen, wie ich die „Schülernummer“ bestmöglich erfüllen kann. Na immerhin. Stefan ist EIGENTLICH ein Netter. Er darf nur nicht so, wie er möchte.
Dachte ich. Dann allerdings kam die Sache mit der isolierten Patientin. (Für die Nicht-Pflegekräfte unter den Lesern: Verboten für Schüler! Isolierte Patienten sind verboten! Und allein schon mal gar nicht und als Unterkursschülerin im 1. Einsatz sowieso ÜBERHAUPT GAR NICHT!!!)
Ich kann nicht einmal mehr sagen, was die Patientin konkret hatte. Krebs halt. Eine sterbende Frau, vollgepumpt mit unzähligen Medikamenten, die gleichzeitig über ein Wirrwarr von Infusionen in den kaum noch vorhandenen Körper laufen. Dünn war sie, viel zu dünn. Und wie gesagt, isoliert. Das bedeutet also, dass wir nur in Schutzkleidung das Zimmer betreten dürfen. Mit Haube, Mundschutz, Kittel, Handschuhen und allem was dazu gehört. Das ist natürlich lästig. Erst recht bei den sommerlichen Temperaturen. Anziehen, schwitzen, ausziehen, dann sieht man schon mal den Rest des Tages echt scheiße aus. Außerdem ist die Patientin zeitweise völlig verwirrt und wird dann aggressiv. Schlägt und beißt, wirft alles, was ihr zwischen die Finger kommt, weil wir sie ja vergiften wollen. Das ist noch lästiger. Und deshalb kann es für das examinierte Pflegepersonal nur eine Lösung geben: Die Schülerin muss da rein.
Ich bekam also eine kurze Erklärung, was ich anzuziehen habe und dass ich ja die Finger von allen Infusionen und Pumpen zu lassen habe und dann rein da. Waschen. Allein.
An meine Kollegen hier mal: Kann sich einer von Euch vorstellen jemanden zu waschen und umzuziehen (normale Kleidung) ohne eine einzige Infusion abzustöpseln? Ich jedenfalls sollte das genau so tun und dann schnell nach einem Kollegen klingeln, der kurz „entkabelt“, Klamotten drüber, wieder anschließt, mir das Frühstück inklusive Medikamente in die Hand drückt und mit den Worten „Guck, was du rein kriegst!“ wieder abhaut.
So stellt man sich liebevolle Pflege vor oder? Die Patienten halb nackt im Bett liegen lassen, bis sich jemand examiniertes findet, der mal kurz „um stöpselt“ und tschüss. Danach Essen „in die Patientin reinkriegen“, weil die ja eh wieder Theater macht von wegen Vergiften und so. Wo bin ich hier bloß gelandet? Was stimmt mit denen nicht? So kann man doch nicht mit Menschen umgehen.
Ich hätte am liebsten geheult. Aber beim Anblick der Patientin kam ich mir lächerlich vor. Die Frau liegt im Sterben, ist verwirrt, hat Angst und wird vom Pflegepersonal konsequent ignoriert. Und die einzige Person, die ihr hilft, bin ich. Die blöde Unterkursschülerin, die völlig überfordert ist und eigentlich keine Ahnung hat, was sie da tut. Die Frau hat ein viel größeres Problem als ich, dachte ich. Also tat ich einfach mein Bestes.
Von dem Tag an, durfte ich jedenfalls täglich zu dieser Patientin. Auch dann noch wenn die Nachtschwester berichtete, dass sie angegriffen und gebissen wurde, interessierte das keinen. Geht ja eh die Schülerin rein, was soll`s? Überhaupt interessierte sich niemand für die Patientin und für mich schon mal gar nicht. Ich funktionierte ja nun endlich, erledigte brav alle „Schüleraufgaben“ und das war es dann auch. Genau genommen brauchte man nicht einmal mehr mit mir zu reden. Es sei denn irgendetwas dauerte zu lange. Das wurde natürlich sofort kommuniziert. Aber was erklären? Fehlanzeige. Meine Fragen beantworten? Um Gottes Willen, keine Zeit. Nicht einmal, wenn ich von der Patientin berichten wollte, hat mir jemand zugehört. Die zuständigen Schwester schrieb jeden Tag ausführlich ihre Dokumentation über eine Patientin, die sie nicht einmal gesehen hatte und hakte Pflegeleistungen mit ihrem Namen ab ohne überhaupt zu wissen, ob ich das auch getan hatte. Langsam begriff ich „wie Krankenhaus so läuft“.

Jetzt fragt ihr Euch bestimmt, wo ist denn der Stefan hin? Der Nette. Das fragte ich mich damals auch. Aber keine Sorge, Stefan bekommt noch seinen Auftritt. Einen ganz großen Auftritt sogar. Aber dazu komme ich dann im 2. Akt. 


Eure @emergencymum

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