Freitag, 5. Dezember 2014

„Komm scheiß auf die Kohle Schatz!“ oder „Warum Familie und Pflege nicht zusammen passen.“

Wir sind die typische Pflegefamilie. Krankenschwester und Krankenpfleger. Wir haben uns bei der Arbeit kennengelernt, geheiratet und Kinder bekommen. (In diesem Beruf ist es ja auch kaum möglich jemand außerhalb der Klinik kennenzulernen, das würde nämlich ein Privatleben voraussetzen.)

Nun ist der jüngste Spross gerade 1 Jahr alt geworden, womit sich Vater Staat aus der finanziellen Unterstützung verabschiedet. Soll heißen, Elterngeld ist ausgelaufen. Ich kann ja wieder arbeiten.

Ach ja? Kann ich das? Mit 2 Kleinkindern, in der Pflege?

Nun bin ich ja top qualifiziert. Mein Examen erlaubt mir die unterschiedlichsten Tätigkeitsbereiche. Von Intensiv- bis Palliativpflege, von Krankenhaus, Seniorenheim über ambulanten Pflegedienst, Dialysepraxis bis hin zu Psychiatrie und Gynäkologie. Kein Bereich, auf den ich während meiner Ausbildung nicht vorbereitet worden wäre.

Das kann doch nicht so schwer sein, was passendes zu finde, oder? Sagt zumindest meine Schwiegermutter: „Also ich war nach der Geburt deines Mannes sofort wieder arbeiten. Dann nur noch halbtags, aber das war kein Problem. Kannst doch auch `ne kleine Stelle machen.“

Eine kleine Stelle, so so. Liebste Schwiegermama, Teilzeit ist nicht gleich Teilzeit. Denn während du regelmäßig Montag bis Freitag von 08 bis 12:00 Uhr arbeiten gegangen bist und anschließend deinen Sohn zunächst von seiner Oma und später aus dem Kindergarten abgeholt hast, bedeutet Teilzeit für eine Krankenschwester im Klinikalltag Verfügbarkeit an 365 Tagen im Jahr 24 Std.

Ja, die monatliche Stundenzahl ist begrenzt, ähm sollte eigentlich begrenzt sein. Aber wann ich diese abzuleisten habe entscheidet sich jeden Monat neu. Ich habe vielleicht die Wahl ob in 8 oder 12 Std Schichten. Aber ganz sicher nicht nur an Wochentagen zu je 4 Stunden. Und da der werte Gatte nach eben demselben völlig willkürlichem Prinzip seine Dienste zugeteilt bekommt, hieße das Monat für Monat spontan Kinderbetreuung zu organisieren. Mal für Montag Nachmittag, mal für 3 Tage am Stück nachts, mal für Ostern und mal für Silvester. Und jetzt kommst Du ins Spiel, Schwiegermama. Möchtest Du das? Dein Rentenzeit nach unseren Dienstplänen ausrichten? Nur noch in den Urlaub fahren können, wenn wir Urlaub haben? Termine mit Freunden absagen, weil einer von uns einspringen soll und der andere ohnehin Dienst hat? Denn den Löwenanteil der Kinderbetreuung wird keine Kita abdecken. Nicht nachts, nicht im Spätdienst, nicht an Feiertagen und nicht an den Wochenenden.

Komisch, auf einmal war meine Schwiegermutter gar nicht mehr so begeistert von ihrer Idee.

„Aber Moment, es gibt doch noch verschiedene Praxen. Die stellen doch auch oft Krankenschwestern ein. Und da muss man doch nur zu den Öffnungszeiten da sein. Also regelmäßig und nicht an Feiertagen und Wochenenden.“

Richtig, ich habe mich auch dort erkundigt. Und es ist überhaupt kein Problem für mich als Schwester mit Erfahrung in der Ambulanz zum Beispiel in einer der chirurgischen Praxen hier in der Nähe eingestellt zu werden. Allerdings zum Tarif einer Arzthelferin. Das hieße dann, dass ich mit einer halben Stelle Lohnsteuerklasse 5 exakt die Kosten für die beiden U3 Kitaplätze und die Ganztagsbetreuung des Großen plus ca 100Euro erwirtschaften würde. Na wenn das mal nix ist! Das könnte ja sogar für`s monatliche Spritgeld reichen um zur Arbeit zu kommen. Wahnsinn!

Nun kommt der Mann mit zur Unterhaltung. “Ach komm scheiß auf die Kohle, Schatz. Bleib noch ein Jahr zu Hause, dann sehen wir weiter. Wir beantragen diese Herdprämie dann ist wenigstens einer von uns immer für die Kinder da. Und wenn`s ganz eng werden sollte, mache ich eben noch 450€ oben drauf.“

Genau, eine tolle Lösung! Ich möchte doch eigentlich wieder arbeiten. Und den Mann kotzt es jetzt schon an, die Kinder teilweise tagelang nicht zu Gesicht zu bekomme. Wir sind aber auch nicht bereit, dass sich das Leben unsere Kinder und wegen der Betreuung sogar das unserer Eltern diesem bescheuerten System unterordnen muss. Also machen der Mann und ich exakt das Gegenteil von dem, was wir uns eigentlich gewünscht hätten. Also das nächste Jahr und dann mal schauen.

Weil Pflege und Familie einfach nicht zusammen passen.

Und jetzt frage ich mich:

Wo ist das Problem in Krankenhäusern arbeitnehmer- und familienfreundliche Rahmenbedingungen zu schaffen?

Wo ist das Problem Schichten für Teilzeitkräfte einzuführen, die beispielsweise von 8:00 bis 12:00 Uhr gehen? (Es ist genug zu tun in dieser Zeit!)

Wo ist das Problem verlässliche Rollendienstpläne zu erstellen?

Wo ist das Problem wenigstens den Versuch zu starten auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter einzugehen?

Es herrscht Pflegenotstand. Offene Stellen können monatelang nicht besetzt werden. Und immer noch sind Betriebe, die den pflegenden Mitarbeitern gegenüber so etwas wie Wertschätzung entgegenbringen und das Thema „Work-Live Balance“ nicht nur irgendwo auf ein Blatt Papier gemalt haben, sondern in die Tat umsetzen, die große Ausnahmen. WARUM?

Wenn man nur diejenigen zurück in den Beruf bekäme, die der Pflege genau deshalb den Rücken gekehrt haben, wäre schon so vielen geholfen. Alle Reden immer von Geld. Klar, in Sachen Gehalt ist natürlich noch eine ganze Menge Luft nach oben. Aber was bitte kostet denn eine vernünftiger und verlässlicher Dienstplan?

Eure

@emergencymum

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